Rachel (Raye) Panich – aus Uman nach New York

Rachel (Raye) Panich – aus Uman nach New York

Eine von Ben und Jaime Chaikels Urgroßmütter väterlicherseits heißt Rachel (Raye) Panich. Sie wurde an 20.12.1920 in Uman geboren, einer Stadt in der Ukraine mit heute 88.000 Einwohnern, die damals zum russischen Zarenreich gehörte. Ihre Eltern Samuel Panich und Bertha Muchnik erblickten dort 1892 bzw.1894 das Licht der Welt.

Bertha Muchnik stammte aus einer Familie mit langer rabbinischer Tradition. Sowohl ihr Vater, Chaim Nahum Muchnik, links im Bild,  (alias Khaim Nokhum Mucenic), als auch ihr Großvater mütterlicherseits, David Twersky, waren Rabbiner. Chaim war der Schüler von David, der in Tolne/Ukraine lehrte. Er wurde auch  dessen Schwiegersohn.

 

 

Den schlimmen politischen Verhältnissen und Gewaltexzessen zur Zeit ihrer Geburt konnte Rachel Panich noch nicht selbst wahrnehmen. Die kommunistische Oktoberrevolution 1917 führte nicht nur zu einem gesellschaftlichen Umsturz, sondern auch zu neuen Pogromen und Zwangsbekehrungen unter Juden. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu einer Viertelmillion Juden zwischen 1917 und 1921 Opfer antijüdischer Pogrome wurden.

In Uman trieben die Truppen des ukrainischen Nationalisten Matwij Hryhorjew ihr Unwesen. Dieser ehemalige Offizier der zaristischen Armee zog ab 1919 mit einer anarchistischen Truppe durch die Ukraine. Der bunte Haufen bestand aus Bauern und zahlreichen berittenen Kosaken der sich auflösenden kaiserlichen Armee. Die antisemitische und nationalistische Haltung der orthodoxen Kirche heizte die antijüdische Stimmung unter der christlichen Bevölkerung zusätzlich noch an. Nicht selten endeten die Predigten der Popen mit dem Ruf: „Tötet die Juden, rettet Russland“. Im Mai 1919 besetzen Hryhorjews Truppen Uman und begingen fürchterliche Massaker an Russen und an Juden. Sie töteten 350 Menschen.

Eine Großcousine Berthas und Ur-Enkelin Chaim Muchniks, Yokheved Liepah-Pekar, schilderte in ihren Erinnerungen die Gräuel, die sie in jener Zeit mit ansehen musste. Sie wurde Zeugin der Ermordung ihres Vaters. Als dieser sein brennendes Haus verließ, spalteten ihm Soldaten den Schädel. Yokheved versuchte neben dem sterbenden Vater kauernd das herausquellende Gehirn mit ihrem Taschentuch zu halten. Dieses Trauma begleitete sie ein Leben lang.

Die Hoffnung einiger Juden auf Besserung ihrer Situation in der neu gegründeten Sowjetunion zerschlug sich, als sie erkennen mussten, dass die kommunistische Einteilung der Bevölkerung in die Klassen „Proletariat“ und „Bourgeoisie“ die Juden als sog. Besitzbürger zu „Klassenfeinden“ machten und sie damit neuen Verfolgungen aussetze.  Angesichts dieser  für sie bedrohlichen Umständen verließen Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts Tausende von Juden die Sowjetunion.

So reifte als Rachel noch ein Kleinkind war, auch bei Samuel Panich der Entschluss, mit seiner Frau Bertha, seiner Schwiegermutter Ida und Rachels Schwestern Lily und Gertrude  die Sowjetunion zu verlassen und in die USA auszuwandern.

Um die illegale Ausreise aus Russland zu finanzieren, mussten die Panichs Hab und Gut veräußern. Ein Fuhrwerk war zu organisieren, mit dem sie die Strecke von ca. 300 km bis zu ihrem Ziel in Rumänien zurücklegen konnten.  Unterwegs waren sie auf Schlepper angewiesen, die sie sicher über große Flüsse, wie den Dnjestr, und über die Landesgrenze nach Rumänien brachten. Manchmal mussten auch Wegelagerer bestochen werden, die versuchten, die Flüchtlinge auszurauben

Häufiger Anlaufpunkt der Flüchtlinge aus Uman war die Stadt Kischinew in Rumänien (heute Chișinău, Hauptstadt Moldawiens).  Fast die Hälfte der Stadtbevölkerung waren Juden, darunter auch Verwandte der Familie Panich-Muchnik.  Von hier aus mussten sie ihre Ausreise nach Übersee vorbreiten, ein Prozedere, das Monate, manchmal sogar Jahre dauern konnte. Zunächst mussten sie ihre Kontaktperson in den USA darüber informieren, dass ihre Flucht aus Russland gelungen war.

Die Großfamilie Panich/Muchnik auf einem Zwischenstopp

bei Verwandten in Rumänien während der Ausreise aus Europa 1923

Rechts hinten stehend Samuel Panich, vor ihm sitzend seine Frau Bertha, in den Armen Lily, daneben Berthas Mutter Ida Muchnik, vor dieser Rachel und neben ihrer Schwester mit verschränkten Armen Gertrude.

Rachels Familie hatte das Glück einen Verwandten in Amerika zu haben. Samuel Panichs Schwester Rose war bereits 1908 ausgewandert und lebte mit ihrem Mann Samuel Weissman, einem Seidentuch-Händler, in Kings/New York. Dieser Schwager besorgte Ihnen die Tickets für die Schiffsreise über den Atlantik und fungierte als Gewährsmann und erste Anlaufstelle in den USA. Um die Visa für die USA zu erhalten, musste sich die Familie nach Bukarest begeben und von dort in den Hafen von Constanza am Schwarzen Meer.

Am 6. Okt. 1923 legte das unter britischer Flagge fahrende Passagierschiff „Byron“ in Constanza ab. Es hatte Platz für über 1000 Passagiere. Über Istanbul, Piraeus, Neapel und Marseille ging die Reise nach New York.

Nach fast vier Wochen kamen die Flüchtlinge am 1. November 1923 in New York an.

Damit ersparte Samuel sich und seinen Angehörigen die noch folgenden Gräuel, deren Dimension er damals nicht erahnen konnte. Stalin ließ von den überlebenden Chassiden alle, die an ihrem Glauben festhielten, nach Duschanbe oder Samarkand deportieren.

Wenig später marschierten die Nazis ein und töteten mindestens 17.000 Juden. Früher bereits, 1768, fand in Uman das furchtbare Massaker der kosakischen „Hajdamaken“, statt. Neben Ukrainern, Polen, katholischen Geistlichen ermordeten die aufständischen Kosaken auch zwischen 2000 und 20000 Juden. Es war einer der schlimmsten Judenpogrome der osteuropäischen Geschichte.
Nach dieser Katastrophe hatte sich Uman bis zum Holocaust zu einem bedeutenden Zentrum der jüdischen Kultur entwickelt. Aus ökonomischen Gründen siedelten sich in jener Zeit viele Juden aus dem heutigen Polen und Litauen an. So waren um 1900 rund 60 % der Einwohner Juden, etwa 19.000 an der Zahl.
In der Stadt befindet sich nicht nur der „Friedhof der Märtyrer“, sondern auch das Grab des hochverehrten chassidischen Lehrers Rabbi Nachman von Bratzlaw. Auf ihn geht die Gemeinde der „Bratzlawer Chassiden“ zurück. Nicht zuletzt deshalb ist Uman heute eine jüdischen Pilgerstätte. Mittlerweile feiern dort etwa 30.000 Pilger jährlich in jubelnder Ekstase den jüdischen Neujahrstag (Rosch ha-Schana).

Rachel Panich, die mit drei Jahren aus Uman in die USA kam, wuchs in Brooklyn auf und lernte später ihren Mann Philipp Rosen kennen, den sie Mitte der 40er Jahre heiratete. Dem Paar wurden zwei Kinder geschenkt, darunter Jaimes und Bens Großmutter Linda.

Artikel „Chassiden in Uman“
https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/chassiden-in-uman-im-neuen-schtetl-12584845-p4.html?service=printPreview

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