Friederike Kifferle – Werdegang eines Mädchens vom Lande

Friederike Kifferle

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Heimatort  Freudenstein in Schwaben

Friederike Katharina Kifferle, meine Großmutter mütterlicherseits,  wurde 1890 in Freudenstein geboren. Sie war das älteste von neun Kindern des Weingärtners Gottlieb Kifferle und seiner Frau Karoline geb. Stocker.

 

     Freudenstein:                  damals….      

                         …. und   heute

Friedrikes Heimatort liegt nur fünf Kilometer von dem ehemaligen Zisterzienserkloster Maulbronn (heute UNESCO-Weltkulturerbe) entfernt. Die Mönche wählten im 12. Jahrhundert diesen Standort wegen seiner fruchtbaren Böden und brachten neue landwirtschaftliche Kulturen in die Region, so z.B. den Weinbau. Die Rebhänge am Ortsrand von Freudenstein fallen heute noch in das malerische Weissach-Tal und sind Teil des Naturparks Stromberg-Heuchelberg.

Als Friederike geboren wurde, war Freudenstein ein kleines Dorf im damaligen Königreich Württemberg, geprägt von Landwirtschaft, harter Arbeit und einem protestanischen religiösen Gemeinschaftsleben.

Als Älteste wurde von ihr nicht zuletzt wegen der großen Kinderschar in der Familie eine kräftige Unterstützung erwartet. Nach der Volksschule, die sie meist nur im Winter regelmäßig besuchen konnte, wartete Feldarbeit oder Hausarbeit auf sie. Obwohl Friederike intelligent war, endet ihre Schulzeit im Alter von 14 Jahren. Im gleichen Jahr wurde sie auch konfirmiert.  Für sie gab es wie für viele Mädchen im Dorf kaum Zukunftsperspektiven: Sie wurden in der Regel Magd, Tagelöhnerin oder gingen „in Stellung“, d.h. sie verdingten sich als Dienstmädchen bei einer wohlhabenden Familie in einer Stadt.

         Die Eltern: Gottlieb            und            Karoline Kifferle

Der kleine landwirtschaftliche Nebenerwerbsbetrieb der Kifferles – Gottlieb arbeitete auch als Steinmetz – warf nicht viel ab. Es reichte gerade so zum Leben. So schickten ihre Eltern Friederike –wenn auch schweren Herzens –, in die 30 Kilometer entfernte große Stadt Karlsruhe, um Geld zu verdienen und um Fertigkeiten zu erlernen, die ihr später einmal als Hausfrau und Mutter nützlich sein könnten. Das war die damals gängige Auffassung von der Rolle einer Frau in der Gesellschaft. Denn eine Berufsausbildung war für sie nicht vorgesehen. Auf diese Weise wurde auch die Zeit zwischen dem Auszug aus dem Elternhaus und einer späteren Eheschließung überbrückt. Der Schritt vom Dorf in die Stadt war ein Bruch – er bedeutete Emanzipation und Risiko zugleich.

Ankunft in Karlsruhe – Leben als Dienstmädchen

Zwischen Abhängigkeit und Selbstbehauptung

Die Ankunft in Karlsruhe muss für das junge Mädchen vom Lande ein Schock gewesen sein. Die elektrische Straßenbahn, das gewaltige Schloss mit ausgedehntem Park, die gepflasterten Straßen – alles wirkt groß und fremd.

Schloss Karlsruhe

Auch die Wohnung ihrer Arbeitgeber, ihrer „Herrschaft“, in einem ansehnlichen Stadthaus war verglichen mit ihrem bäuerlichen Elternhaus äußerst luxuriös ausgestattet. Friedrikes Alltag war streng geregelt. Aufstehen gegen 5 Uhr, Ofen anheizen, Wasser schleppen, Böden schrubben, Wäsche waschen, einkaufen auf dem Markt, Kinder beaufsichtigen Geschirr spülen usw. Freizeit gab es kaum – meist nur jeden zweiten Sonntag ein paar Stunden Ausgang.

Dienstmädchen Anfang des 20. Jahrhunderts

Sie schlief in einer kleinen Kammer unter dem Dach. Ihr Lohn war gering; ein Teil wurde direkt an die Eltern geschickt. Als Dienstmädchen stand sie sozial weit unten im städtischen Gefüge. Sie wurde zwar gesiezt, aber selten respektiert. Fehler wurden streng gerügt. In ihrem Verhalten hatte sie den strengen Moralvorstellungen der Kaiserzeit zu entsprechen. Andererseits konnte sie von ihrer Herrschaft   auch einiges lernen: bürgerliche Umgangsformen, neue Arten des Kochens, Lesen von Rezepten, Verbesserung ihres Schriftdeutsch und Konversationstechniken.

Aufstieg zur Köchin

Schon bald merkten ihre Arbeitgeber, wie geschickt Friederike war und schätzten ihre schnelle Auffassungsgabe. So betrauten man sie zusehends mit anspruchsvolleren Aufgaben. Friederike avancierte mit den Jahren zur Köchin und hatte damit automatisch mehr Verantwortung: Planung der Mahlzeiten, Verwaltung des Haushaltsgeldes für Lebensmittel und Anleitung jüngerer Dienstmädchen. (Friederike wurde eine ausgezeichnete Köchin und gab ihr Wissen und ihre Fähigkeiten an die nachfolgenden Generationen in ihrer Familie weiter.)

Köchin und Küche um die Jahrhundertwende in einem bürgerlichen Haushalt

Nun verdiente sie etwas mehr und besaß ein kleines Maß an Selbstständigkeit. Doch gesellschaftlich blieb sie als Unverheiratet in  Abhängigkeit und war  ohne soziale Absicherung. Ohne Heirat blieb ihre Existenz stets prekär.

Begegnung mit einem Soldaten

 

 

Kaserne des Telegraphen-Bataillon Nr. 4

Anfang des Jahres 1911, kurz vor ihrem 21. Geburtstag, lernte Friedrike den gleichaltrigen Sanitätsgefreiten Peter Dieter, einen Wehrpflichtigen, aus dem Saarland kennen. Er war stationiert in der Kaserne des Telegraphen-Bataillon Nr. 4 in Karlsruhe. Peter Diener trugt Uniform, wirkte selbstsicher und sprach Hochdeutsch mit saarländischem 

 

Tonfall. Für sie verkörperte er Abenteuer und Anerkennung. Für ihn war sie eine freundliche, ansprechende, bodenständige junge Frau. Von nun an trafen sie sich öfters, denn Peter hatte, wie er später einmal schrieb, „Friederike liebgewonnen“. 

 

 

Gelegentlich, wenn beide Ausgang hatten, trafen sie sich in einer der städtischen Parkanlagen zu einem Spaziergang.

Paar bei einem Spaziergang im Park

Die Schwangerschaft – soziale Folgen

Das Unausweichliche passierte, Friederike wurde schwanger, und schlagartig war ihr klar, dass sich ihr Leben nun radikal verändern würde. Alle möglichen Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Schlimmstenfalls würde sie Peter nicht heiraten. Dann stünde sie allein da mit einem unehelichen Kind, was für sie zu einer regelrechten menschlichen Katastrophe geworden wäre. In der prüden Zeit der Jahrhundertwende würde das den Verlust der Stellung bedeuten, denn für ihren Arbeitgeber war sie nicht mehr tragbar, die Gesellschaft würde sie moralisch verurteilen, der Ruf ihrer Familie im Dorf Freudenstein würde leiden, und an staatliche Unterstützung war nicht zu denken.  Das uneheliche Kind würde lebenslang unter dem Makel leiden.

Doch es kam anders. Peter stand zu seiner „Frieda“ und war bereit, Verantwortung zu übernehmen.  Am 9. April 1911 schrieb er deshalb einen Brief an Friederikes Vater:

 „Geehrter Herr Kifferle und Frau,             

Erlaube mir hiermit eine Bitte an Sie zu richten:

Wenn Herr Kifferle die Güte haben möchte, am Ostersonntagnachmittag, am 23. April 1911, hier nach Karlsruhe zu kommen, wäre ich Ihnen sehr dankbar, da ich etwas Dringendes mit Ihnen zu sprechen habe und um die Hand Ihrer Tochter bitten möchte.“

Gottlieb Kifferle folgte dieser Bitte und fuhr mit dem Zug nach Karlsruhe.  Am Ostertag um 15.30 Uhr trafen er sich mit dem Paar am Hauptbahnhof. Da Gottlieb Kifferle nicht naiv war, ahnte er schon, was sich um den Begriff „Dringendes“ verbarg. Warum sollten die beiden denn schon nach drei Monaten der Bekanntschaft und ohne Verlobungszeit heiraten wollen? Als Vater einer Tochter  war er  im Grunde erleichtert, dass Peter, der einen guten Eindruck auf ihn machte, zu seiner Braut stehen wollte und gab sein Einverständnis zur Heirat.

Hauptbahnhof Karlsruhe um die Jahrhundertwende

Für Friederike war die Situation gegenüber Peters Familie belastender. Als „gefallenes Mädchen“ schrieb sie einen äußerst unterwürfigen Entschuldigungsbrief an ihre zukünftigen Schwiegereltern, in dem sie sich sehr beschämt zeigte und sich selbst der Schwäche und des „sündhaften Verhaltens“ bezichtigte. Sie bat um Vergebung. 

                                                                     

Die Eltern: Simon (um 1875)           und                    Katharina Diener (um 1915)

Da sie in der Familie ihrer Arbeitgeber nicht mehr haltbar war, fand sie Aufnahme im Haus von Peters Eltern in der Blumenstraße 23 in Bischmisheim, in dem noch der 15jährige Altbert, Peters Bruder, lebte. (Albert hatte ein kurzes Leben. Er fiel Ende 1916  mit 22 Jahren an der Westfront.)

Zunächst war das Einvernehmen der beiden Frauen unter einem Dach nicht ganz einfach. Es brauchte Zeit bis sich die  breit saarländisches Platt sprechende Schwiegermutter Katharina, im Ort „Wäschers Katt“ genannt, und die schwäbelnde junge Frau aus der Stadt aneinander gewöhnten.

Peter, der in Karlsruhe bleiben musste, hielt brieflich Kontakt zu seiner „Frieda“ und besuchte sie gelegendlich. Außerdem schrieb er Bewerbung an Unternehmen in der saarländischen Stahlindustrie, an seinen alten Arbeitgeber, die Halberger Hütte, und an Dingler & Karcher, denn am 26. 09. 1911 endete sein Militärdienst.  Peter ging zurück in seinen Heimatort Bischmisheim und wurde später  Hüttenmeister auf der Halberger Hüttte.

Auf dem Standesamt in Brebach/Saar heirateten Friederike und Peter Diener am  21.10.1911. Ihr gemeinsamer Sohn Günther, auf den sie so stolz waren und den sie so liebten,  wurde am  19.12.1911   geboren.

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Günther Diener (1911 – 1931)

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