Johann Georg Zerr – Stammvater der Siedler in Frantzfeld/Odessa

Johann Georg Zerr, geb. 1760

Die wirtschaftliche und politsche Situation im Elsass

Johann Georg Zerr, geboren am 10. Februar 1760 in Neeweiler im Elsass, erlebte die tiefgreifenden Umbrüche seiner Zeit aus nächster Nähe. Als er das fünfte Lebensjahrzehnt erreichte, hatte die Französische Revolution das Land erschüttert, und die napoleonischen Kriege belasteten die ländliche Bevölkerung schwer. Steigende Abgaben, Einquartierungen von Soldaten und die Einführung der Wehrpflicht trafen viele Familien hart. Hinzu kam die fortschreitende Aufteilung des Besitzes unter mehreren Erben, wodurch die Höfe immer kleiner und wirtschaftlich kaum tragfähig wurden. Für Johann Georg und die Familien seiner Söhne wurde die Zukunft in der alten Heimat zunehmend unsicher.

Johann Georg Zerr folgt den Versprechen russischer Werber

Die Kunde von den Siedlungsmöglichkeiten im Schwarzmeergebiet war im Elsass längst bekannt. Seit dem Manifest der russischen Kaiserin Katharina II. aus dem Jahr 1763 wurden ausländischen Kolonisten Land, Steuerfreiheit, Religionsfreiheit und Befreiung vom Militärdienst zugesichert. Auch unter ihren Nachfolgern blieb die Anwerbung deutscher Siedler bestehen. Um 1806 reifte offenbar der Entschluss: Johann Georg Zerr, inzwischen ein älterer, erfahrener Familienvater, zog gemeinsam mit seinen vier Söhnen, deren Ehefrauen und Kindern fort:

Johannes war unverheiratet
Anton mit Ehefau Margaretha Kartes,
Johann Michael mit Ehefrau Franziska Sarbacher
Joseph mit Ehefrau Barbara Merdian

Es war keine Einzelwanderung, sondern ein geschlossener Familienverband, eingebettet in einen größeren Treck aus elsässischen und süddeutschen Auswanderern.

Der Treck

Der Aufbruch erfolgte vermutlich im Frühjahr oder Frühsommer 1806. Mit Pferdewagen, wenigen Habseligkeiten, Werkzeug, Saatgut und vielleicht etwas Vieh verließ der Zug das Elsass. Die Reise führte über süddeutsche Territorien Richtung Ulm. Wochenlang bewegte sich der Treck über staubige oder verschlammte Wege, übernachtete in Scheunen oder unter freiem Himmel. Krankheiten, besonders bei Kindern und älteren Menschen, waren eine ständige Gefahr. Auch Johann Georg selbst, bereits über vierzig Jahre alt, musste die Strapazen körperlich gespürt haben.

Die Reiseroute – „Ulmer Schachteln“

In Ulm erreichten sie die Donau – den großen Strom, der für Generationen deutscher Auswanderer zur Lebensader Richtung Südosten wurde. Hier bestiegen sie sogenannte „Ulmer Schachteln“, einfache, flach gebaute Holzboote, die eigens für die einmalige Fahrt donauabwärts konstruiert wurden. Komfort gab es keinen. Familien saßen dicht gedrängt zwischen Kisten und Fässern, geschützt nur durch einfache Planen. Gekocht wurde notdürftig an Bord oder bei Zwischenhalten am Ufer.

Die Fahrt führte vorbei an Wien, durch die ungarischen Landschaften, weiter über Belgrad bis in die weiten Ebenen des unteren Donaulaufs. Wochen vergingen auf dem Wasser. Man war Wind und Wetter ausgeliefert. Bei Niedrigwasser drohten Sandbänke, bei Hochwasser gefährliche Strömungen. Immer wieder kam es zu Krankheiten – Fieber, Ruhr oder Typhus breiteten sich rasch aus, wenn viele Menschen eng zusammenlebten. Nicht jeder Treck erreichte vollständig sein Ziel. Ob auch Johann Georg Zerr Angehörige verlor, lässt sich nicht sicher sagen, doch die Wahrscheinlichkeit von Leid und Abschied war hoch.

Am Donaudelta endete die Flussreise. Von dort ging es weiter – teils über das Schwarze Meer, teils über Land – in Richtung Odessa, der jungen Hafenstadt am Schwarzen Meer, die unter russischer Herrschaft rasch wuchs. Mitte 1807 erreichte der Zug schließlich das vorgesehene Siedlungsgebiet Franzfeld bei Großliebental (heute Nadlymans’ke in der Ukraine).

Harte Anfangsjahre

Georg Zerr sowie seine verheirateten Söhne erhielten je eine Wirtschaft, der jüngste Sohn Johannes wirtschaftete zusammen mit dem Vater. Was sie dort vorfanden, unterschied sich grundlegend von der grünen Hügellandschaft des Elsass. Die weite Steppe war baumarm, im Sommer von sengender Hitze geprägt, im Winter von eisiger Kälte. Fertige Häuser standen meist nicht bereit. In den ersten Monaten lebten viele Siedler in Erdhütten oder einfachen Lehmbaracken. Brunnen mussten gegraben, Felder vermessen und urbar gemacht werden. Der fruchtbare Schwarzerde Boden versprach langfristig gute Ernten, doch die ersten Jahre waren von Unsicherheit und Entbehrung geprägt.

Johann Georg Zerr war bei der Ankunft 47 Jahre alt. Er hatte seine Heimat endgültig verlassen, gemeinsam mit seinen Söhnen den Schritt in eine neue Welt gewagt und den Grundstein für eine schwarzmeerdeutsche Familienlinie gelegt. Die Aufbauarbeit verlangte Gemeinschaftssinn: Häuser wurden gemeinsam errichtet, Brunnen gemeinsam gegraben, kirchliche und schulische Strukturen aufgebaut. Trotz aller Härten entstand nach und nach ein geordnetes Dorfleben mit deutscher Sprache, eigener Verwaltung und religiöser Selbstbestimmung.

So wurde aus dem langen Treck von 1806/07 nicht nur eine beschwerliche Wanderung, sondern der Beginn einer neuen Existenz. Für Johann Georg Zerr bedeutete die Reise einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit – für seine Kinder und Enkel jedoch eröffnete sie die Aussicht auf Land, wirtschaftliche Stabilität und eine neue Zukunft im Schwarzmeergebiet.

Fast 20 Jahre konnte Johann Georg Zerr  mit seinem Fleiß zum Aufbau seines Hofes beitrag. Der Tod ereilte ihn bei der Arbeit. Am 15.02.1827 fand man erfroren auf einem Acker.

 

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