
Pastor Nikolaus Schwinden
Not, Neubeginn und seelsorgerisches Engagement
Die katholische Kirchengemeinde Sankt Theresia Schafbrücke in den letzten Kriegsjahren und danach
Die Geschichte der katholischen Gemeinde Sankt Theresia in Schafbrücke und Bischmisheim ist geprägt von der Entwicklung aus bescheidenen Anfängen hin zu einem eigenständigen Pfarrzentrum. In dieser Phase hat Pastor Nikolaus Schwinden eine tragende Rolle gespielt.
Die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs und die unmittelbare Nachkriegszeit stellten für die katholische Kirchengemeinde Schafbrücke eine Phase äußerster Belastung, aber auch bemerkenswerter religiöser Erneuerung dar. In dieser schwierigen Zeit wurde der Pfarrvikar Nikolaus Schwinden im Jahr 1940 die Leitung der Gemeinde als Seelsorger und auch als „Kümmerer“ übertragen. Der Zusammenbruch des nationalsozialistischen Staates, massive Zerstörungen und existenzielle Not prägten den Alltag der Menschen. In dieser Situation bewahrheitete sich, was Zeitzeugen später mit dem alten Sprichwort zusammenfassten: Not lehrt beten. Sonntag für Sonntag besuchten immer mehr Gläubige die Gottesdienste. Die kleine Notkirche in der Kaiserstraße 33 (heute Autoreparatur Kappel), die 1935 bei Gründung der Pfarrgemeinde unter dem Patronat Hl. Theresia von Lisieux errichtet wurde, reichte als Kirchenraum nicht mehr aus.
| Exkurs zur Person der Hl. Theresia von Lisieux
Karmelitin Theresia vom Kinde Jesu Theresia von Lisieux wurde am 2. Januar 1873 in Alençon (Frankreich) geboren und auf den Namen Marie-Françoise-Thérèse Martin getauft. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter (1877) zog die Familie nach Lisieux in der Normandie. Schon als Kind zeigte sie eine ausgeprägte religiöse Sensibilität. Mit 15 Jahren erhielt sie nach einer Audienz bei Papst Leo XIII. die Sondererlaubnis zum vorzeitigen Eintritt in den Karmel von Lisieux (1888). Dort lebte sie als Karmelitin im verborgenen Klosteralltag. Die Schwestern leben in strenger Klausur, geprägt von Stille, Einsamkeit und intensivem Gebet (Oratio), um Gott in der Verborgenheit zu suchen.
Thérèse im Alter von 15 Jahren, kurz vor ihrem Eintritt in den Karmel In den letzten Lebensjahren litt sie an Tuberkulose, begleitet von schweren inneren Glaubensprüfungen. Sie starb am 30. September 1897 in Lisieux im Alter von 24 Jahren. Ihr kurzes Leben war äußerlich unspektakulär, innerlich jedoch von intensiver geistlicher Reifung geprägt. Postum verbreitete sich ihre Autobiographie „Geschichte einer Seele“ weltweit. Sie wurde 1923 selig- und 1925 heiliggesprochen sowie 1997 zur Kirchenlehrerin erhoben. Theresia gilt als Patronin der Missionen, obwohl sie nie das Kloster verließ – ein Zeichen dafür, dass geistliche Wirksamkeit nicht an äußere Größe gebunden ist. Ihre bleibende Bedeutung liegt in der universalen Botschaft: Jeder Mensch ist zur Heiligkeit berufen – im Kleinen, im Verborgenen, im Vertrauen. Ihr geistliches Vermächtnis ist der „kleine Weg“: Heiligkeit durch kindliches Vertrauen, Liebe und die treue Hingabe im Alltäglichen. Gerade diese schlichte, radikale Spiritualität begründet ihre anhaltende Bedeutung für Kirche und Theologie bis heute. Die heilige Theresia trug den Ordensnamen Theresia vom Kinde Jesu. Das Attribut „vom Kinde Jesu“ verweist auf einen zentralen Kern ihrer Spiritualität: die geistliche Kindschaft. Für Theresia war das Jesuskind Ausdruck von Demut, Armut und vertrauender Liebe. In der Betrachtung des Kindes in der Krippe erkannte sie den Gott, der sich klein macht und sich dem Menschen in Liebe ausliefert. Der Name „vom Kinde Jesu“ ist daher kein bloßes Beiwerk, sondern programmatisch: Er fasst ihre Theologie zusammen. Theresia verstand sich selbst als „kleines Kind“ vor Gott – und gerade darin sah sie den Weg zur geistlichen Größe. Dieser „kleine Weg“ besagte: Nicht große Taten oder außergewöhnliche Askese führen zur Heiligkeit, sondern ein kindliches Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit. Wie ein Kind soll der Mensch sich Gott überlassen – schwach, abhängig, aber voller Zuversicht. |
Der Neubau einer Gemeindekirche
Pastor Schwinden erkannte, dass der Neubau einer Kirche dringend nötig war. Aber an solch ein finanzintensives Projekt war in den Notzeiten unmittelbar nach dem Krieg in einem zerbombten Land nicht zu denken. Vorrangig musste mit den knappen Mitteln Wohnraum geschaffen werden. Als Zwischenlösung wurde deshalb auf dem zukünftigen Kirchengrundstück eine ehemalige Militärbaracke errichtet. In ihr fand am Ostersonntag, 6. April 1947, die erste Hl. Messe statt. Am 3. Oktober 1948 wurde hier Peter Dietz, der Autor dieses Textes, von Pfarrvikar Nikolaus Schwinden getauft.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Saargebiet vom restlichen Deutschland getrennt und stand wirtschaftlich unter dem Einfluss Frankreichs. Der Lebensstandard war dadurch solide, aber nicht so hoch wie später im Wirtschaftswunder der Bundesrepublik. Dennoch profitierte in den frühen 1950ern das Saargebiet vom allgemeinen Wirtschaftsaufschwung in Westeuropa, dem Nachkriegsboom.
Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, sich um eine neue Kirche zu kümmern.

St. Theresia in Schafbrücke (Aufnahme 2025)
Das Gebäude
Der saarländische Architekt Karl Kremer konnte für die Planung des Gotteshauses gewonnen werden. Kremer war maßgeblich an der Gestaltung des Saarbrücker Stadtbildes der Nachkriegszeit beteiligt. Zu seinen Hauptwerken zählen das zwischen 1950 und 1953 errichtete Verwaltungsgebäude der Landesversicherungsanstalt (LVA) in der Faktoreistraße sowie das Passage-Kino in der Bahnhofstraße. Kremers machte für die Kirche einen Entwurf, der sich gestalterische durch den Übergang von traditionellen zu modernen Bauformen der frühen Nachkriegszeit auszeichnet.

Santk Theresia Innenansicht
Die Fenster
| Für die künstlerische Innenraumgestaltung konnte der bedeutende saarländische Maler und Glaskünstler Richard Eberle gefunden werden, dessen Werke die sakrale Kunst der Nachkriegszeit in der Region maßgeblich prägten.
Richard Eberle Eberle studierte an den Kunstakademien in München (bei Karl Caspar) und Stuttgart (bei Anton Kolig). Eberle war ein gegenständlicher Maler mit einer gewissen Nähe zum magischen Realismus. Er erhielt den Auftrag in der Kirche St. Theresia in Schafbrücke im Jahr 1955 einen umfangreichen Fensterzyklus zu schaffen, in dessen Zentrum das Leben und Wirken der Heiligen stehen sollte.
In den von ihm bleiverglasten Kirchenfenstern bestehend aus den Materialien Antikglas, Blei und Schwarzlot schuf Richard Eberle in der Pfarrkirche Sankt Theresia ein eindrucksvolles Beispiel moderner sakraler Glasmalerei des 20. Jahrhunderts. Es verband eine zeitgemäße, geometrisch aufgelöste Formensprache mit einer klar lesbaren christlichen Ikonografie und steht damit in der Tradition der liturgischen Erneuerungsbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Exemplarisch soll hier eine Komposition betrachtet werden, in deren Zentrum die Gestalt der Theresia vom Kinde Jesu steht. |
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Formal ist das Fenster in mehrere vertikalen Bildfelder gegliedert, die durch ein Netz aus dunklen Bleiruten strukturiert werden. Diese Linienführung erzeugt eine rhythmische Spannung zwischen Fragmentierung und Einheit und erinnert an kubistische und expressionistische Tendenzen der Moderne. Die Farbpalette wird von kühlen Blau- und Weißtönen dominiert, die durch warme Akzente in Rot, Orange und Ocker kontrastiert werden. Das Blau verweist auf Transzendenz, Innerlichkeit und das Himmlische, während das Rot als Symbol der Liebe, des Opfers und der geistlichen Hingabe erscheint.
Im Zentrum steht die Gestalt der Hl. Theresia, als ruhige, frontal dargestellte Figur mit Nimbus.
Ihre Haltung ist schlicht und gesammelt; in der Hand trägt sie die Rose – ihr zentrales Attribut und Sinnbild ihrer Verheißung, „Rosen vom Himmel regnen zu lassen“. Die reduzierte, fast asketische Darstellung verweist auf Theresias „kleinen Weg“: ein spirituelles Ideal der Demut, des Vertrauens und der Liebe im Alltäglichen.
Die seitlichen Bildfelder zeigen Szenen aus ihrem geistlichen Umfeld und wirken weniger als biografische Episoden im engeren Sinn, sondern vielmehr als sinnbildliche Ausdeutung ihres Wirkens. Dargestellt sind Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen – Kinder, Familien, Gläubige –, die Trost, Nähe und Orientierung erfahren. Diese Figuren verdeutlichen Theresias Rolle als Fürsprecherin und geistliche Begleiterin der Menschen über Raum und Zeit hinweg. Besonders auffällig ist die wiederkehrende Geste des Sich-Zuwendens: eine visuelle Metapher für Nächstenliebe und seelsorgerische Nähe.
Am unteren Bildrand erscheint die Weltkugel mit einem floralen Zeichen, das auf die weltweite Verehrung der Heiligen und ihre Bedeutung als Patronin der Missionen verweist – bemerkenswert für eine Ordensfrau, die selbst nie außerhalb des Klosters wirkte. Hier verdichtet sich die zentrale Aussage des Fensters: Aus der Verborgenheit heraus entfaltet sich eine universale geistliche Wirkung.
Insgesamt interpretiert Richard Eberle das Leben der heiligen Theresia nicht als Abfolge historischer Ereignisse, sondern als zeitlose spirituelle Botschaft. Das Fenster lädt den Betrachter ein, sich selbst in diesen „kleinen Weg der Liebe“ einzuschreiben und macht die Gestalt der Heiligen zu einer vermittelnden Figur zwischen Himmel und menschlicher Lebenswirklichkeit. Damit erfüllt das Kunstwerk sowohl eine liturgische als auch eine katechetische Funktion und bleibt zugleich ein eindrucksvolles Zeugnis moderner religiöser Kunst.
Nach einer relativ kurzen Bauzeit (Baubeginn 1951) konnte am 3. Oktober 1952 das Gotteshaus vom Trierer Bischof geweiht und seiner zukünftigen Bestimmung übergeben werden.
Als im Jahr 1957 Pastor Nikolaus Schwinden zu einer neuen Aufgabe berufen wurde, hinterließ er seinem Nachfolger Pastor Magnerich Loch (1916 – 2003) eine intakte Gemeinde mit einer modernen Kirche als Mittelpunkt des religiösen Lebens für die Gläubigen aus Schafbrücke und Bischmisheim.
Sankt Theresia heute
Die Kirche wurde im Laufe der Jahre u.a. wegen der Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils mehrfach umgestaltet, zuletzt 1998.
Auf dem Gelände hinter der Kirche wurde 1965 die katholische Kindertagesstätte der Pfarrei eröffnet. 1998 erfolgte die offizielle Einweihung der heutigen „ KITA.
Bedingt durch strukturelle innerkirchliche Schwierigkeiten verlor die Kirchengemeinde ihre Eigenständigkeit. Sie wurde 2011 zusammengelegt mit den Gemeinden Scheidt und Rentrisch. So entstand eine sog. „Pfarreiengemeinschaft“ , die seit 2022 „Pfarrei Scheidter Tal – St. Remigius“ heißt. Mit dieser Namenswahl wurde an eine alte Tradition angeknüpft, denn die Kirche in Bischmisheim war bis zur Reformation dem Hl. Remigius von Reims geweiht.
Ansprechpartnerin vor Ort ist eine Gemeindereferentin, die ihren Sitz im alten Pfarrhause im Kolbenholz, Schafbrücke hat. Die Pfarrei zählt z.Z. ca. 2500 Katholiken, je zur Hälfte in Schafbrücke und Bischmisheim
In der Kirche finden weiter Gottesdienste statt, so z.B. ein Sonntagsgottesdienst. Die Vorabendmesse ist in der Regel samstags um 18.00 Uhr.
| Nachtrag Das Kruzix von Pastor Schwinden
Dieses Bronzekruzifix befand im Besitz von Nikolaus Schwinden als er Dechant in Sankt Wendel/Saar war. Er bewahrte das Werk bis zu seinem Tod bei sich auf. Durch Schwindens enge persönliche Freundschaft mit dem Künstler Leo Kornbrust, der ihm das Kreuz widmete, nahm der Geistliche selbst Einfluss auf dessen Gestaltung und wurde zu einem wichtigen Impulsgeber für dessen Vollendung. Er begleitete den künstlerischen Reifeprozess des Kunstobjektes geduldig. Denn das Bronzekruzifix von Leo Kornbrust ist ein Werk mit ungewöhnlich langem und bewegtem Werdegang. Sein Ursprung liegt im Jahr 1959 in Rom, wo der Künstler während seines Aufenthalts in der Villa Massimo zunächst ein Holzkruzifix schuf und daraus den Corpus Christi in Bronze entwickelte. Dieser Corpus war Ergebnis einer experimentellen Phase, in der Kornbrust sich zunehmend von rein gegenständlicher Darstellung löste und zu einer eigenständigen, reduzierten Formensprache fand. Über Jahre blieb das Werk unvollendet: Der Corpus existierte ohne endgültiges Kreuz und durchlief verschiedene Stationen. Erst 1968 fand das Kruzifix seine endgültige Gestalt, als Kornbrust eigens – dem Wunsch Schwindens folgend – ein Bronzekreuz schuf und beide Elemente zu einer Einheit verschweißte. Nach Schwindens Tod begann der zweite Lebensweg des Kreuzes: Zunächst vermachte er es seiner Nichte Anni Schwinden. Dann wanderte es durch verschiedene kirchliche und öffentliche Räume, wurde in Ausstellungen gezeigt und entwickelte sich zu einem Werk von überkonfessioneller Ausstrahlung. Heute steht das Kruzifix exemplarisch für Kornbrusts sakrales Schaffen: als Ausdruck von Leid, Hoffnung und geistiger Konzentration – und zugleich als Zeugnis einer besonderen Begegnung zwischen Künstler und Seelsorger, Kunst und Glaube.
Es hat nun an der Außenfassade der Katholischen Kirche Sankt Andreas im Wallerfangen Ortsteil Gisingen seinen endgültigen Platz gefunden. Umgeben von einem Innenhof, der wie ein Kreuzgang anmutet, verwandelt das Kreuz mit dem leidenden Corpus Christi den kleinen Garten in einen Ort der Stille, einem Raum der Andacht |









