Pastor Schwinden – 1. Leben und Wirken

Nikolaus Schwinden

Stationen eines Priesterlebens

Nikolaus Schwinden wurde 1905  in dem kleinen Eifel-Dorf Habscheid bei Prüm geboren. Nach dem Studium der Theologie empfing er 1930 die Priesterweihe. In der neu gegründeten Gemeinde Sankt Theresia im dem Bischmisheimer Ortsteil Schafbrücke war er ab 1940 als Pfarrvikar tätig. In der Gemeinde gab es seit 1935 für die wenigen Katholiken eine bescheidene, kleine Holzkirche, eine sog. Notkirche.

In ihr wurde Nikolaus Schwinden am 29.9.1940 im Beisein der fast vollständig versammelten Kirchengemeinde und dreier Mitbrüder aus Nachbargemeinden feierlich in sein Amt eingeführt.  Mit Schwinden erhielt die junge Diasporagemeinde einen außergewöhnlich engagierten und erprobten Seelsorger. Seine zuvor in Ostpreußen gesammelten Erfahrungen unter schwierigen konfessionellen Bedingungen erwiesen sich nun als unschätzbar wertvoll.

Pastor Nikolaus Schwinden – ein Seelsorger mit Haltung

Pastor Schwinden verstand es, eine klare christliche Haltung mit menschlicher Nähe zu verbinden. Unerschrocken trat er für die Kirche ein – sowohl während des kirchenfeindlichen Umfeldes in der Zeit des Nationalsozialismus als auch in den politisch und gesellschaftlich unsicheren Jahren danach. Dabei war er von einer tiefen patriotischen Gesinnung geprägt, die bewusst zwischen blindem Nationalismus und verantwortungsvoller Liebe zum Vaterland unterschied.

In den Kriegsjahren und der Zeit des Nationalsozialismus waren äußere Erfolge kaum möglich, doch Pastor Schwinden wirkte unermüdlich im Verborgenen. Er erteilte der Schuljugend auch außerhalb der regulären Unterrichtszeiten Religionsunterricht, sammelte Kinder und Jugendliche um sich und scheute selbst finanzielle Belastungen nicht, um geeignete Räume nutzen zu können. Besonders intensiv kümmerte er sich um junge Wehrpflichtige, die kurz vor ihrer Einberufung standen. Mit vielen von ihnen blieb er während des Krieges in Briefkontakt – ein Zeichen persönlicher Anteilnahme, das für die Betroffenen von unschätzbarem Wert war. Unterstützt wurde er dabei maßgeblich von der Seelsorgehelferin Maria Junkersdorff.

Ausharren bis zuletzt – Weihnachten 1944

Als im Spätsommer 1944 die zweite Evakuierung des Saarlandes einsetzte und viele Gemeindemitglieder die Region verlassen mussten, entschied sich Pastor Schwinden bewusst zu bleiben, um den verbliebenen Zivilisten und Soldaten beizustehen. In einer Phase, in der amerikanische Truppen bereits weniger als hundert Kilometer entfernt standen, sah er seine Aufgabe gerade bei den Zurückgebliebenen und den durchziehenden Soldaten. Der Weihnachtsgottesdienst 1944 – gefeiert bei spärlichem Kerzenlicht mit nur 60 Soldaten und 12 Zivilisten – wurde zu einem stillen, aber eindrucksvollen Symbol seelsorgerischer Treue in größter Gefahr angesichts drohender alliierter Tieffliegerangriff. 

Nach der Befreiung:  Verantwortung über den Tod hinaus

Einmarsch der Amerikaner in die Dörfer und Städte des Saarlandes

Die staatlichen und militärischen Verwaltungsstrukturen brachen in diesen Wochen weitgehend zusammen. Gerade in dieser Situation übernahmen örtliche Akteure – darunter Geistliche – Aufgaben, die sonst Behörden oblagen. Die kirchlichen Strukturen erwiesen sich als eine der wenigen konstanten Organisationen vor Ort .

Als am 20. März 1945  die ersten Amerikaner einrückten, trat ihnen Pastor  Schwinden im geistlichen Gewand entgegen, um Schutz für die in den Kellern harrenden wenigen Bewohner zu erwirken.

Nach dem Einmarsch herrschten chaotische Zustände. Fremdarbeiter und Kriegsgefangene wurden befreit. Einige von ihnen zogen marodierend durch die Dörfer.

Befreite Fremdarbeiter

Schwinden bemühte sich aktiv, Plünderungen, Ausschreitungen und Gefährdungen der Zivilbevölkerung zu verhindern und brachte sich dadurch selbst wiederholt in Lebensgefahr.  Die Plünderer schlugen  Menschen nieder, die  sich schützend vor ihr Eigentum stellten. In Bischmisheim musste Schwinden auf Bitten der Angehörigen ein Opfer der Marodeure beerdigen.  Mutig trat der Pfarrer den Räubern  entgegen, die ihn jedoch mit Handgranaten und Knüppeln bewaffnet zur Flucht zwangen. Einem  glücklichen Zufall war es zu danken, dass Schwinden sich im Wald des Scheidterberges verbergen und sich  in der Dunkelheit nach Rentrisch begeben konnte.

 

Zivilisten auf dem Weg zur Registrierung in Fechingen

Die Amerikaner internierten die Zivilbevölkerung der umliegenden Dörfer zur Registrierung in Fechingen. Auch Pastor Schwinden wurde zunächst zwei Tage interniert, konnte dann aber sofort wieder in seine Gemeinde zurückkehren. Nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen verlagerte sich der Schwerpunkt seiner Arbeit zunehmend auf die Bewältigung der Kriegsfolgen. Neben der Wiederaufnahme des kirchlichen Lebens war dies vor allem die Sorge um die zahlreichen Gefallenen, deren Schicksal ungeklärt war.

Soldatenfriedhof Triebenberg bei Bischmisheim

Noch im April 1945 begann ein Werk, das ihm bis heute große Dankbarkeit einbrachte: die provisorische Beerdigung, Identifizierung und spätere würdige Umbettung der im Bischmisheimer Hochwald gefallenen deutschen Soldaten. Dieses Handeln war Ausdruck seines Verständnisses von Seelsorge, die auch über den Tod hinaus Verantwortung übernimmt.

Einzelheiten hierzu sind nachzulesen in einem weiteren Blog.

Pastor Schwinden als „Kirchenbauer“

Trotz – oder gerade wegen – der schwierigen Umstände erlebte das kirchliche Leben einen spürbaren Aufschwung. Sonntag für Sonntag wuchs die Zahl der Kirchenbesucher. Die kleine Kirche an der Kaiserstraße war diesem Andrang längst nicht mehr gewachsen.

Als Kirche genutzte Baracke

Zunächst musste ein Grundstück für eine zukünftige Kirche  her. Im Ortsteil Kolbenholz von Schafbrücke wurde 1946  mit tatkräftiger Hilfe deutscher Kriegsgefangener aus benachbarten Lagern eine Baracke  errichtet.  Das provisorische Gotteshaus, das immerhin 600 – 700 Gottesdienstbesucher fassen konnte, wurde Ostern 1947 eingeweiht.

Kath. Pfarrhaus im Kolbenholz

Parallel zu der Baumaßnahme kümmerte sich Schwinden zusammen mit engagierten Gemeindemitgliedern um die Errichtung eines Pfarrhauses. Im Nachkriegsjahr 1946 war dies angesichts der überhalle herrschenden Knappheit  an Baumaterial nur unter großen Mühen möglich.   Heute noch legt das Pfarrhaus in seiner Substanz Zeugnis von den damaligen bescheidenen Verhältnissen ab.

Kath. Pfarrkriche St. Theresia von Lisieux in Schafbrücke

In den 50er Jahren trieb Schwinden den Neubau einer „richtigen“ Kirche aus Stein voran. Die Bauzeit des vom Architekten Karl Kremer entworfen Gebäudes betrug drei Jahre. In  der der „Hl. Theresia vom Kinde Jesu“ geweihten Kirche wurde ab 1953  erstmals die Hl. Messe gefeiert. Sie diente fortan als Mittelpunkt des religiösen Lebens der Katholiken aus Schafbrücke und den wenigen Kirchmitglieder aus dem eher  protestantisch geprägten Bischmisheim.

Einzelheiten hierzu sind nachzulesen in einem weiteren Artikel

1957 verließ Nikolaus Schwinden unter großer Anteilnahme seiner Gemeinde Schafbrücke, denn er wurde zu höheren Aufgaben berufen: Der Trierer Bischof ernannte ihn zum Dechanten der saarländischen Stadt Sankt Wendel, ein Amt, das er bis zu seiner Pensionierung ausübte. Nikolaus Schwinden starb 1987 und fand 1990 seine letzte Ruhe in seinem Geburtsort Habscheid bei Prüm in der Eifel.

Letzte Ruhe in Habscheid bei Prüm in der Eifel

Vermächtnis

Pastor Nikolaus Schwinden hat die katholische Kirchengemeinde Schafbrücke/Bischmisheim in einer ihrer schwersten Phasen geprägt. Sein Wirken verband Glaubensfestigkeit, menschliche Zuwendung und organisatorische Tatkraft. Dass sein Name bis heute nicht stärker im öffentlichen Raum gewürdigt wird, bleibt aus historischer Sicht bedauerlich. Sein geistliches und menschliches Vermächtnis jedoch lebt im Gedächtnis derer fort, die ihn kannten.

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