Pastor Schwinden – 2. Ehrenfriedhof Triebenberg

Der Ehrenfriedhof Triebenberg  und die Bedeutung  von Pastor Nikolaus Schwinden

 

Entstehung, Kampfhandlungen im März 1945 und Entwicklung zur Gedenkstätte

Einleitung

Der Ehrenfriedhof auf dem Triebenberg im Bischmisheimer Hochwald ist ein stiller, heute bewaldeter Erinnerungsort. Seine Entstehung ist untrennbar mit den schweren Kampfhandlungen im Raum Bischmisheimer Hochwald – Ensheimer Tal – Schafbrücke im März 1945 verbunden. Die dort bestatteten Soldaten fielen in den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkrieges, als die amerikanischen Truppen im Zuge der Saar-Offensive den Westwall durchbrachen und Saarbrücken einnahmen. Die Geschichte dieses Friedhofs ist zugleich eine Geschichte von Gewalt, Chaos, Improvisation – aber auch von menschlichem Bemühen um Würde, Identität und Erinnerung und wofür zeichenhaft die Person von Pastor Nikolaus Schwinden steht.

  1. Militärischer Hintergrund und strategische Bedeutung des Raumes

Bereits seit 1938 war das westliche Saarland Teil der Westwall-Befestigungen. Auch der Bereich des Ensheimer Tales und des Bischmisheimer Hochwaldes wurde in dieses Verteidigungssystem einbezogen. Bunker, Höckerlinien und Minenfelder prägten die Landschaft und machten sie zu einem militärisch stark befestigten Raum .

Im Winter 1944/45 bereiteten die amerikanischen Streitkräfte den entscheidenden Vorstoß zur Einnahme Saarbrückens vor. Die Großoffensive der 7. US-Armee begann Mitte März 1945. Ziel war es, den Westwall südlich und südöstlich der Stadt zu durchbrechen und die deutschen Stellungen zu zerschlagen.

  1. Die Kampfhandlungen Mitte März 1945

2.1 Beginn der Offensive

Am 16. März 1945 begann der amerikanische Angriff im Raum Ensheim.

   

US- Truppen bei Kampfhandlungen in Ensheim

Das Ensheimer Tal und der Bischmisheimer Hochwald gerieten unter massiven Artilleriebeschuss. Deutsche Truppen – überwiegend Reste von Grenadier- und Sicherungseinheiten – hatten sich in den Bunkeranlagen und Waldstellungen verschanzt.

Bunkeranlage im Wald

Der Beschuss dauerte mehrere Tage an. Besonders am 16. und 17. März 1945 kam es zu schweren Gefechten, bei denen Artillerie, Infanterie und später auch Flammenwerfer eingesetzt wurden. Der Hochwald wurde systematisch unter Feuer genommen, um die deutschen Verteidiger aus ihren Stellungen zu treiben. 

Nach dem Bericht von Zeitzeugen schien am 16. März  im Hochwald von Bischmisheim „die Hölle aufgebrochen zu sein“. Von dem Ort Schafbrücke aus habe man  „von Stahlhammer zum Grumbach Tal hin  mächtige Rauchwolken emporsteigen sehen“. Bis zum folgenden Abend  hörte man ununterbochen Maschinengewehrfeuer. Pausenlos feuerten die in unmittelbarer Nähe aufgefahrenen Geschütze, „bis am 20. März, genau um 12 Uhr, eine plötzliche und fast unheimlich Stille eintrat.“

2.2 Zusammenbruch der deutschen Stellungen

Die Kämpfe erreichten ihren Höhepunkt in der Nacht vom 17. auf den 18. März 1945. Ein großer Teil der deutschen Truppen fiel in den Bunkern oder im umliegenden Wald. Viele Soldaten wurden durch Granaten verschüttet oder verbrannten in den Anlagen. Die Überlebenden zogen sich in Richtung Rohrbach zurück, da die Lage an der gesamten Saarfront für die deutschen Einheiten aussichtslos geworden war.

Erschöpftert Wehrmachtssoldat

Am 19. März 1945 marschierten amerikanische Truppen über das Wieschbachtal nach Bischmisheim ein. Der militärische Widerstand war zu diesem Zeitpunkt zusammengebrochen. Zurück blieben zerstörte Stellungen, Minenfelder – und zahlreiche gefallene Soldaten, deren Leichen zunächst unbeerdigt im Wald lagen.

 

Pastor Nikolaus Schwinden

  1. Notbergungen und erste Bestattungen

Unmittelbar nach dem Ende der Kampfhandlungen begann die Bergung der Toten. Am Karfreitag, dem 30. März 1945, machten sich Nikolaus Schwinden, Pastor der katholischen Kirchengemeinde Sankt Theresia in Schafbrücke, und weitere Helfer unerschrocken auf den Weg in den Bischmisheimer Hochwald, um nach Gefallenen zu suchen. Schwinden, als Leiter der Aktion, übte in  selbstloser Aufopferung weit über den eigentlichen Dienst als Seelsorger hinaus tätige Liebe und lebte während dieser Wochen und Monate in eindrucksvoller Weise seinen Glauben.

Bereits bei einer ersten Exkursion  wurden zwölf deutsche Soldaten, deren Körper schon stark verwest waren,  gefunden. Da sowohl Gummihandschuhe als auch jegliche Desinfektionsmittel fehlten, war die Bergung der Gefallenen, die vier bis sechs Wochen hindurch den Witterungsunbilden und Plünderungen ausgesetzt gewesen waren, überaus schwierig. Aufgrund des fortgeschrittenen Verwesungszustandes war die Identifizierung schwierig, teilweise zunächst unmöglich. Die Leichen wurden in einem großen Bombentrichter notdürftig beigesetzt. 

Wiederholt begab sich danach Schwinden in den Hochwald bei Bischmisheim,  um die zerstreut umherliegenden und teils schon stark verwitterten Nachlässe (Fotos und Briefe) der Soldaten zu sammeln und  um  sich auf diesem Wege die ersten Voraussetzungen zu einer Identifizierung zu schaffen. Uhren und Ringe waren leider zum Großteil ein Opfer der Plünderungen geworden, so dass das Vorhaben des Pfarrers äußerst erschwert wurde. Mit immensem  Fleiß folgte  er auch den unscheinbarsten Spuren, sichtete und registrierte die aufgefundenen Gegenstände. Manche Heimatadresse konnte so ermittelt wenden. Wegen der  noch sehr chaotsischen Verhältnissen  bei der Post  war es eine zeitraubende Tätigkeit, die Angehörigen zu verstädndigen.

In den folgenden Wochen entdeckte man weitere Massengräber und Einzelgrablagen. Insgesamt wurden 76 gefallene Soldaten geborgen.

  1. Identifizierung und Anlage des Ehrenfriedhofes

4.1 Feststellung der Identitäten

Schon bald erkannte Herr Pfarrer Schwinden, dass während des ersten Winters die Leichen nochmals ausgegraben werden müssten, um nähere Feststellungen über die Truppenteile, den Dienstgrad, die Größe, das Alter, die Haarfarbe, besondere Kennzeichen und Bekleidungsstücke treffen zu können, wenn der Versuch der Identifizierung weitere Erfolge haben sollte. Darüber hinaus sollte jeder der Gefallenen eine eigene Ruhestätte erhalten und den Angehörigen ein amtlicher Totenschein zugestellt werden.

In wochenlanger selbstloser Arbeit gelang es, von den insgesamt 56 Toten (andere waren bereits auf dem Friedhof in Ensheim beigesetzt worden) nicht weniger als 48 zu identifizieren; und dieser beispielhafte Erfolg ist in erster Linie das Verdienst von Herrn Pfarrer Schwinden, der keine Möglichkeit der Identifizierung und Benachrichtigung der Angehörigen außer Acht ließ.

Nach Kriegsende wurden die provisorisch bestatteten Soldaten erneut exhumiert. Ziel war es, ihre Identität festzustellen und ihnen eine würdige Ruhestätte zu geben. An diesen Arbeiten waren maßgeblich beteiligt:

  • Pastor Nikolaus Schwinden
  • der Arzt Dr. Ludwig Pennenkamp
  • Maria Walle aus Bischmisheim
  • der Ensheimer Totengräber Breit

Anhand von Erkennungsmarken, Soldbüchern, persönlichen Gegenständen und körperlichen Merkmalen konnten 56 der 76 Gefallenen identifiziert werden.

Die  Familien, deren Angehörige hier während der Kampfhandlungen fielen, waren fast über das ganze Gebiet der Westzonen und über die  ehemaligen deutschen Ostgebiete verstreut. Bewegende Dankesschreiben gingen im Pfarramt zu Schafbrücke ein.  In ihnen wurde gedankt  für die Benachrichtigung  nach Jahren der Ungwissheit und des  Wartens  und für die Möglichkeit, den gefallenen Vater, Bruder, Sohn oder Bräutigam am Grabe besuchen zu können.

4.2 Der Ehrenfriedhof Triebenberg

Für die endgültige Beisetzung wurde im Ensheimer Tal auf dem Triebenberg eine würdige Begräbnisstätte angelegt. Die Gebeine der identifizierten Soldaten wurden im Wald  in Reihengräbern beigesetzt. Die Gräber waren zunächst mit einfachen Birkenholzkreuzen versehen, auf denen Stahlhelme angebracht waren – ein eindrucksvolles Zeichen der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Auf Intiative von Pastor Schwinden erfolgte die Einweihung des Soldatenfriedhofes am Karfreitag, dem 19. April  1946.  Im Rahmen der Trauerfeier segnete der Geistliche jedes einzelne mit Buchsbaum geschmückte Soldatengrab und sprache ein Gebet. Musikalisch wurde die Feier vom Cäcilienchor Ensheim begleitet. Der Friedhof war damit nicht nur Begräbnisstätte, sondern von Anfang an auch ein zentraler Ort des Gedenkens für die Gefallenen   und der religiösen Deutung des Geschehenen.

Schwindens  Einsatz zeigt exemplarisch, wie lokale Seelsorger in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu Schlüsselpersonen des Wiederaufbaus wurden – nicht im materiellen, sondern im moralischen und menschlichen Sinn.

  1. Entwicklung zur Gedenkstätte

In den frühen 1950er Jahren wurde der Ehrenfriedhof im Sinne einer „natürlichen Kirche“ umgestaltet. Die Gräber wurden mit Grabplatten versehen, die den Namen der Gefallenen tugen. Ein Altar wurde errichtet, die Grabreihen orientierten sich bewusst an einer kirchlichen Sitzordnung.  Druch diese  liturgische Gestaltung erhielt die Anlage den Charakter eines sakralen Raumes.

Anfang der 1960er Jahre wurden die Gebeine der Soldaten auf zentrale Kriegsgräberstätten (u. a. Weiskirchen) umgebettet; der Triebenberg blieb als Gedenkstätte erhalten.

Die Pflege der Anlage übernahmen später verschiedene lokale Initiativen und Vereine. Lange Zeit fand jährlich am 15. August (Maria Himmelfahrt) ein Gedenkgottesdienst für die gefallenen Soldaten statt, der die Erinnerung an die Ereignisse von 1945 wachhalten sollte.

Schlussbetrachtung

Pastor Nikolaus Schwinden war in den letzten Kriegsjahren und der frühen Nachkriegszeit im Raum Schafbrücke–Bischmisheim weit mehr als ein Gemeindepfarrer. Als Organisator, Dokumentar und Seelsorger der Gefallenen prägte er die Erinnerungskultur der Region bis heute. Die Bergung und würdige Bestattung der Soldaten im Bischmisheimer Hochwald und auf dem Ehrenfriedhof Triebenberg zählen zu seinen herausragendsten Leistungen und machen sein Wirken zu einem wichtigen Kapitel der lokalen Zeitgeschichte .

Der Ehrenfriedhof Triebenberg ist ein authentisches Zeugnis der letzten Kriegswochen im Raum Bischmisheim. Die dort bestatteten Soldaten fielen in sinnlosen, verzweifelten Kämpfen, als der Krieg militärisch längst entschieden war. Zugleich steht die Geschichte des Friedhofs für das Bemühen einzelner couragierter Menschen,  den Toten ihre Namen zurückzugeben und ihnen einen würdigen Platz im kollektiven Gedächtnis zu sichern. Kampf, Tod, Bergung und Erinnerung sind hier unauflöslich miteinander verbunden – und machen den Triebenberg zu einem bedeutenden Ort regionaler Zeitgeschichte.

 

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