Paul Maurice Joseph Ange Martial Dupuy De Marquès war der Urenkel von Antoine Dupuy De Marquès, einem seiner zahlreichen bedeutenden Vorfahren. Paul war außerdem der Bruder von Eric Lazayres Ur-Großmutter Louise Marie Josephine Dupuy De Marquès aus Neuvic. Soviel zum Verwandschaftsgrad.
Als er, damals meist Paul oder Martial Dupuy genannt, im späten 19. Jahrhundert nach Kambodscha kam, ahnte wohl kaum jemand, dass sein Name eines Tages eng mit der Geschichte des Küstenortes Kep verbunden sein würde. Als französischer Kaufmann, Kolonist und Vertreter der europäischen Geschäftswelt entwickelte er sich zu einer einflussreichen Persönlichkeit im damaligen französischen Protektorat Kambodscha. Sein Wirken verband militärische Erfahrung, wirtschaftlichen Unternehmergeist und ein bemerkenswertes Interesse an der lokalen Kultur.
Vom Militärdienst nach Phnom Penh
Bevor Dupuy seine Laufbahn als Kaufmann einschlug, stand er im Dienst der französischen Streitkräfte. Nach seiner Jugend in der Corrèze trat Dupuy de Marquès in die französische Kolonialarmee ein. Seine militärische Laufbahn führte ihn durch verschiedene Infanterieverbände, darunter das 80. Infanterieregiment, ein Infanterieregiment in Tulle sowie Marineinfanterie- und Kolonialinfanterieeinheiten. Zu den Stationen seines Dienstes gehörte das 11. Infanterieregiment in Saigon, dem damaligen Zentrum der französischen Kolonialverwaltung in Cochinchina. Dieses geschichtsträchtigen 11e Régiment d’Infanterie de Marine (11. Infanterieregiment) war ab Mitte der 1880er Jahre die Speerspitze der französischen Expansion in Indochina. Vermutlich war Dupuy als Teil dieser Einheit aktiv an den „Befriedungskampagnen“ in Annam und Tonkin (Vietnam) beteiligt und erlebte den Franko-Siamesischen Krieg von 1893.
Am 19. September 1893 ist Dupuy in Phnom Penh als wohnhaft verzeichnet. Dieser Eintrag markiert einen wichtigen Zeitpunkt in seiner Biografie: Die kambodschanische Hauptstadt sollte zum Mittelpunkt seiner wirtschaftlichen Aktivitäten werden.
Der Übergang vom Soldaten zum Kaufmann:
In den französischen Kolonien war es absolut üblich, dass Militärangehörige nach dem Ende ihrer aktiven Dienstzeit vor Ort blieben. Sie nutzten ihre Netzwerke und Kenntnisse der kolonialen Infrastruktur, um eine zweite Karriere als Commerçant (Kaufmann) oder Immobilienentwickler aufzubauen. Nach seinem Ausscheiden aus dem Militär wurde er als Commis de commerce (Handelsagent und Prokurist) angeworben. Er stieg direkt bei der Maison Raffin frères et Dumarest (Stammsitz in Roanne, Frankreich) ein. Das Unternehmen besaß eine der führenden Import-Export-Zentralen am Mekong. Die Niederlassung von Dumarest / Raffin in Phnom Penh galt als Institution und wurde bereits in den 1890er Jahren gegründet. Sie befand sich im europäischen Viertel der Stadt, nahe dem Mekong-Ufer, wo die Frachtschiffe aus Saïgon anlegten Die Filialen waren straff, aber klein organisiert. Meist gab es einen Filialleiter (Directeur oder Négociant wie die zeitgenössisch dort dokumentierten Herren Alfred Ernest oder Chamrion) und eine Handvoll französischer Handelsassistenten, zu denen Paul Dupuy gehörte, unterstützt von lokalen cambodgianischen und vietnamesischen Schreibern und Lagerarbeitern Dupuy de Marquès übernahm Verantwortung für die Filiale in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh. Zu seinen Aufgaben gehörte der Import von Baumwolltextilien (Cotonnades) aus Frankreich und die logistische Erschließung des kambodschanischen Binnenmarktes.
Aufstieg zum unabhängigen Großhändler (ca. 1904–1911)
Nach der Umstrukturierung des Hauses Raffin/Dumarest um die Jahrhundertwende machte sich Dupuy de Marquès in Phnom Penh selbstständig. Er firmierte offiziell als Im- und Exporteur (Négociant). Er importierte nicht mehr nur Textilien, sondern weitete sein Geschäft auf europäische Industriewaren, Kolonialgüter und den Export von landwirtschaftlichen Rohstoffen (Reis, Baumwolle) aus Kambodscha aus. In Phnom Penh etablierte Dupuy so eine bedeutende Handelsniederlassung, eine sogenannte maison de commerce. Mit dieser entwickelte er sich zu einem wichtigen Akteur im Wirtschaftsleben der französischen Kolonie. Sein Einfluss reichte über den gewöhnlichen Warenhandel hinaus. Durch seinen wirtschaftlichen Erfolg und sein Netzwerk stieg er zum Präsidenten der Handelskammer von Phnom Penh (Président de la Chambre de Commerce de Pnom-Penh) auf. Er vertrat damit die Interessen eines bedeutenden Teils der örtlichen Geschäftswelt. Diese Position unterstreicht seine Stellung innerhalb der französischen Kolonialgesellschaft. In der französischen Kolonialstruktur war dieses Amt hochpolitisch. Dupuy de Marquès war damit der offizielle Chef-Interessenvertreter der gesamten europäischen Wirtschaft in Kambodscha. Er verhandelte direkt mit dem französischen Generalgouverneur und dem König von Kambodscha über Zölle, Infrastrukturprojekte (wie den Ausbau des Hafens und der Flusswege am Mekong) sowie koloniale Steuerfragen. Als Kaufmann bewegte er sich an der Schnittstelle zwischen Handel, Verwaltung und wirtschaftlicher Entwicklung. In einer Zeit, in der sich Phnom Penh zunehmend zu einem Verwaltungs- und Handelszentrum entwickelte, gehörte Dupuy zu jenen Europäern, die das wirtschaftliche Leben der Stadt mitprägten. In dieser Zeit (um die Geburt seiner Tochter Paulette im Jahr 1911) gehörte er zur absoluten Spitze der kolonialen Gesellschaft.
Im Jahr 1904 hatte er in der Corrèze seine Cousine Marie-Louise Salviat geheiratet. Die Eheschließung fiel in eine Phase, in der er bereits in Kambodscha ansässig war und eine gefestigte geschäftliche Stellung hatte.

Marie-Louise Salviat vor traditionelle Khmer-Schnitzkunst
Interesse an der Khmer-Kultur
Dupuy beschränkte seine Aktivitäten nicht allein auf den Handel. Überlieferten Angaben zufolge setzte er sich auch für die Verbreitung kambodschanischer Kunst und Schrift ein. So ließ er klassische kambodschanische Zeichnungen und Khmer-Schriftzeichen mithilfe französischer Druckpressen reproduzieren. Auf diese Weise sollten kulturelle Darstellungen und Schriftformen einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Dieses Engagement ist vor dem Hintergrund der damaligen kolonialen Verhältnisse zu betrachten. Die Vermittlung lokaler Kultur durch europäische Drucktechniken konnte sowohl der Bewahrung und Verbreitung kultureller Zeugnisse dienen als auch den Interessen der Kolonialverwaltung entsprechen. Dupuys Tätigkeit zeigt jedoch, dass sein Wirkungsfeld über die reine Handelstätigkeit hinausging.
Seine Frau Marie-Louise Dupuy de Marquès erhielt als besondere Auszeichung und Wertschätzung der Familie durch das Königshaus den Königlichen Orden von Kambodscha.

Die Entdeckung von Kep und der Bau des Château Dupuy
Seinen nachhaltigsten Platz in der lokalen Geschichte erlangte Dupuy durch seine Verbindung mit Kep, dem heutigen Küstenort im Süden Kambodschas. Zu Kolonialzeiten war Kep ein wichtiges Seebad. Danach zerfiel der Ort zusehends. In jüngster Zeit wurde einiges in den Ort investiert. So hat er sich heute mittlerweile zu einem Geheimtipp für einen ruhigen Strandurlaub gemausert. Im Jahr 1906 entdeckte Paul Dupuy den Küstenabschnitt, der später zu einem beliebten Rückzugsort für die französische Kolonialgesellschaft und die kambodschanische Oberschicht werden sollte. Dort ließ er eine Villa errichten, die als Château Dupuy bekannt wurde. Nach den vorliegenden Angaben begann der Bau bereits 1906; 1910 erhielt Dupuy vom französischen Protektorat die offizielle Genehmigung, das erste Gebäude unmittelbar am Strand zu errichten.

Château Dupuy um 1940
Die Villa war ursprünglich als private Residenz gedacht und hob sich durch ihre Lage und Architektur von der ländlichen Umgebung ab. Das Anwesen gilt als ein früher Ausgangspunkt für die Entwicklung Keps zu einem mondänen Bade- und Erholungsort. Wo zunächst eine einzelne Residenz stand, entstand im Laufe der folgenden Jahrzehnte ein Ort, der zunehmend von Villen, Ferienhäusern und repräsentativen Anwesen geprägt wurde.
Von der Privatvilla zur königlichen Residenz
Um 1914 soll Dupuy die Residenz König Sisowath überlassen haben. Damit erhielt das Gebäude eine Bedeutung, die über das private Anwesen eines französischen Geschäftsmannes hinausging. Die Verbindung zum kambodschanischen Königshaus trug dazu bei, Kep als bevorzugten Erholungsort für die königliche Familie und die koloniale Elite zu etablieren. Später wurde die Villa offenbar zu Ehren von Thomas Kieffer, einem französischen Kolonialangehörigen, der sich nach den überlieferten Angaben um 1892 in Kep niedergelassen hatte, in Villa Thomas umbenannt. In den 1920er-Jahren erhielt das Gebäude schließlich das Erscheinungsbild eines französisch geprägten bürgerlichen Landhauses – einer Villa à la française.

Villa Thomas – Villa à la française.
Die wechselnde Nutzung und Namensgebung spiegeln den Wandel Keps wider: Aus einem abgelegenen Küstenabschnitt entwickelte sich ein repräsentativer Rückzugsort, dessen Architektur und Geschichte von kambodschanischen, französischen und königlichen Einflüssen geprägt wurden.
Ein bleibendes Kapitel der Geschichte Keps
Paul Maurice Joseph Ange Martial Dupuy De Marquès steht beispielhaft für jene französischen Kaufleute und Kolonisten, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in Kambodscha wirtschaftlichen Einfluss gewannen. Seine Tätigkeit als Handelsunternehmer und Präsident der Handels- und Landwirtschaftskammer machte ihn zu einer bedeutenden Figur in Phnom Penh. Sein Interesse an der Reproduktion kambodschanischer Zeichnungen und Schriftzeichen verweist zugleich auf ein kulturelles Tätigkeitsfeld, das über seine geschäftlichen Interessen hinausging. Sein wohl bekanntestes Vermächtnis aber liegt an der Küste. Mit dem Bau seiner Villa in Kep schuf Dupuy einen frühen Bezugspunkt für die spätere Entwicklung des Ortes zum exklusiven Badeort. Das Château Dupuy beziehungsweise die spätere Villa Thomas erinnert an eine Epoche, in der private Ambitionen, koloniale Machtverhältnisse und königliche Repräsentation die Gestalt der kambodschanischen Küste mitbestimmten.
Das Ehepaar kehrte in den 20er Jahren wieder nach Frankreich zurück. Beide starben im selben Jahr 1924 in Saint-Angel bei Neuvic in der Corrèze und hinterließen eine dreizehnjährige Tochter, Paulette. Diese bekam sptäter vier Kinder. Ihre Nachkommen sind zahlreich.