Anneliese Schroeter und die Bekennende Kirche
| Als Anneliese Schroeter, geb. 1913 in Cölbe bei Marburg, zwanzig Jahre alt war, musste sie miterleben, wie im Deutschen Reich Adolf Hitler an die Macht kam.
Gleichschaltung und Kirchenkampf Eines der Hauptziele der Nationalsozialisten war die absolute Kontrolle und ideologische Durchdringung aller Lebensbereiche. Man nannte es „Gleichschaltung“. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland, die föderal strukturiert war, sollte von diesen Plänen nicht verschont bleiben. Im Jahr 1933 gab es im Deutschen Reich insgesamt 28 evangelische Landeskirchen. Bis auf drei wurden noch 1933 – also die meisten von ihnen – im Sinn der Nationalsozialisten zur zentralen, besser kontrollierbaren „Deutschen Evangelischen Kirche“ (DEK) zusammengeschlossen. Die nationalsozialistische Bewegung der „Deutsche Christen“ (DC) spielte dabei eine zentrale Rolle. Diese verbanden christliche Inhalte mit nationalsozialistischem Gedankengut, vertraten das Führerprinzip, Antisemitismus und nationalistische Vorstellungen. Die Nationalsozialisten beeinflussten durch Manipulation von Kirchenwahlen die Besetzung kirchlicher Führungsämter mit regimefreundlichen Personen. Gegen diese Bestrebungen formierte sich in den einzelnen Landeskirchen innerkirchlicher Widerstand in Gestalt der „Bekennenden Kirche“ (BK), ein loser Zusammenschluss von Pfarrern, Gemeindemitgliedern und Kirchenleitungen. Es war der Beginn des sog. „Kirchenkampfes“ in der Zeit des Nationalsozialismus. |
Anneliese Schroeter, 1938 |
Landesbruderrat der Landeskirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW)
Pfarrer Bernhard Heppe |
Einer der profiliertesten Vertreter dieser Bewegung in Evangelischen Landeskirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) war der Theologe Bernhard Heppe. Er war einer der Mitbegründern des „Bruderbundes Kurhessischer Pfarrer“ sowie der „Bekennenden Kirche Kurhessen-Waldeck“.
Gemeinsam mit Pfarrer Karl Bernhard Ritter und Prof. Dr. Hans von Soden aus Marburg gehörte Bernhard Heppe zur Leitung des Bruderrates und war dessen Schriftführer. 1934 wurde er zusätzlich noch Geschäftsführer der Kurhessischen Bekennenden Kirche. Der Vorsitzende des sogenannten Landesbruderrates war einer der führende Vertreter der Bekennenden Kirche in Kurhessen-Waldeck, der Universitätslehrer Prof. Dr. Hans von Soden. Dieses Gremium gehörte zu den bedeutenden Widersachern gegen die nationalsozialistischen Einflussnahme auf die evangelische Kirche.
Prof. Dr. Hans von Soden In einem „Gemeindebrief für die Mitglieder der Bekennenden Kirche“, der in unregelmäßigen Abständen erschien, informierte Heppe vorbei an der Zensur einen Kreis von 284 Geistlichen, 3 Professoren und 41 ausgewählte Laienmitglieder. In diesen Rundbriefen rief er auch auf zum Widerstand gegen die Bespitzelung und die Einschränkung der Versammlungsfreit und trat für Pressefreiheit ein. Seine zahlreichen Aktivitäten zeugten von großem Mut. |
Pfarrer Bernhard Heppe in Cölbe
| Bernhard Heppe war gleichzeitig auch Pfarrer der Ev. Kirche in Cölbe, der Heimatgemeinde von Anneliese Schroeter.
Vermutlich nicht zuletzt unter dem Einfluss von Heppe, der Anneliese auch konfirmiert hatte, identifizierte sich die junge Frau schon früh mit den Zielen der Bekennenden Kirche und stellte sich in den Jahren 1937 und 1938 in Marburg als Sekretärin der Geschäftsstelle in deren Dienst. Dort arbeite Anneliese Schroeter eng mit Karl Heppe und Hans von Soden zusammen.
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Alte ev. Dorfkirche von Cölbe |
Es blieb nicht aus, dass die Aktivitäten des Bruderrates den nationalsozialistischen Repressionsapparat in Gestalt der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) und des Sicherheitsdienstes (SD) auf den Plan riefen. Diese handelten auf einer pseudo-gesetzlichen Grundlage, dem sog. „Heimtückegesetz“.
Dieses Gesetz diente eigens dazu, Kritik und Opposition zu unterdrücken, Gegner des Regimes einzuschüchtern und Meinungsfreiheit massiv einzuschränken. Bei „Verstößen“ drohten Geld- oder mehrjährige Haftstrafen.
Oberstaatsanwalt Harry Haffner
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Anneliese Schroeter berichtete, dass sie häufig Besuch von der Gestapo bekommen hätte. Diese seinen in der Regel zu Dritt erschienen, um sie zu verhören.Hausdurchsuchungen, Beschlagnahme von Schreibmaschinen, Unterlagen des Bruderbundes sowie der Einzug von Barvermögen waren nicht selten.
Ein besonderes Ärgernis für das Regime waren die kirchlichen Protestaktionen gegen die Inhaftierung des prominenten Mitgliedes der Bekennenden Kirche, Pfarrer Martin Niemöller.
Pfarrer Martin Niemöller Die vom Bruderrat unter Mitwirkung von Anneliese Schneider organisierte Unterschriftenaktion zur Freilassung Niemöllers verstieß gegen das „Heimtücke-Gesetz“. Wie Anneliese berichtete, hatte sie sich während einer Razzia durch die Gestapo in ihrem Büro mit Namenlisten von Mitgliedern der BK in der Damentoilette eingeschlossen. Dort spülte sie die belastenden Papiere im Abfluss der Toilette hinunter. Gegen Anneliese wurde ein Verfahren durch den „Oberstaatsanwalt als Leiter der Anklagebehörde bei dem Sondergericht für den Oberlandesgerichtsbezirk Kassel“ wegen „Vergehen gegen § 2des Heimtückegesetzes“ eingeleitet. Die Anklagebörde wurde von dem Juristen, NSDAP-Mitglied und SA-Mann Harry Haffner geleitet. Am 30. April 1938 wurde ein Gesetz über die Gewährung von Straffreiheit verkündet. Diese Amnestie gewährte das Regime anlässlich des sogenannten „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich. Die „heimtückischen Vergehen“ Anneliese Schroeters fielen unter das Amnestiegesetz.
Diesmal hatte Anneliese Glück. Gegen sie wurde keine Strafe verhängt. |


