Heinrich Pleier (1) – Ein Leben im Sudetenland

Heinrich Pleier (1) – Ein Leben im Sudetenland

Einer von Lina Dietz‘ Urgroßvätern väterlicherseits heißt Heinrich Pleier.

Am 6. November 1927 wurde er geboren als Sohn des Schlossers Anton Pleyer (Anm. alte Schreibung) und seiner Frau Maria Schmuck in Hohenfeld (Vysoká) nicht weit entfernt von Karlsbad im Sudetenland, einem touristischen Badeort, der seit Anfang des 20. Jahrhunderts von wohlhabenden Badegästen aufgesucht wurde.

Wenn später im fortgeschrittenen Alter Opa Heinrich von seinen Enkeln auffordert werden sollte „Opa erzähle uns, wie es früher war!“, verweigerte er die Auskunft und sagte: „Das war so schrecklich, mein Junge, das willst Du nicht wirklich wissen.“ Das Schweigen war seine Form, die Unmenschlichkeiten des Erlebten zu vergessen. 

Heinrich Pleier

Pfarrkirche Maria Trost, Dallwitz

Als Heinrich auf die Welt kam, waren seine siebenjährige Schwester Hilde und die Brüder Hans (5 J.) und Franz (3 J.) schon geboren. Bald nach der Geburt wurde er in der katholischen Kirche Maria Trost in Dallwitz von dem zuständigen Gemeindepriester aus Zettlitz getauft.

Die vier Geschwister wuchsen in einer dörflichen Idylle auf. Ihr Geburtsort bestand nur aus wenigen Häusern, die in Rundlingsform um einen zentralen Dorfplatz angelegt waren, auf dem die Kinder herumtollen konnten. An dem Platz lag auch die Schmiede, in der sein handwerklich geschickter und fleißige Vater tagsüber am Amboss den Hammer schwang   Hinter den Gehöften befanden sich die ausgedehnten Gärten und Felder, die den Selbstversorgern Nahrung lieferten. Am Ortsrand konnten die Kinder am Ufer eines Baches spielen, der nur wenige Kilometer weiter südlich bei Dallwitz (Dalovice) in die Eger mündete.

 

 

Im sog. Sudetenland sind Heinrich Pleiers Vorfahren seit mindestens sechs Generationen nachweisbar: sein Urahn Anton Pleyer geb. um 1740 betrieb im Nachbarort Fischern eine Gastwirtschaft.  Im Mittelalter hieß die Region Königreich Böhmen und gehörte zum Heiligen Römischen Reich. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts kamen verstärkt deutsche Siedler in das auch von Slawen bewohnte Gebiet und ließen sich in den Randregionen Böhmens nieder. Heinrichs Heimatort Hohendorf wurde Ende des 15. Jahrhunderts gegründet und war ausschließlich von Deutschen bewohnt. Die Einwanderer brachten städtische Kultur und das deutsche Stadtrecht mit. Eine zweite größere Welle der Besiedlung erfolgte Mitte des 17. Jahrhunderts, als weite Landstriche durch die Folgen des Dreißigjährigen Krieges entvölkert waren.

 

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1918 unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges – kurz bevor Heinrichs Eltern eine Familie gründeten – zerfiel die Habsburger Monarchie und seine Heimat Böhmen wurde Teil des neu geschaffenen Vielvölkerstaates Tschechoslowakei. Die Mehrheit der dort lebendenden Sudetendeutschen oder auch Slowaken fühlten ihr Recht auf nationale Selbstbestimmung verletzt und akzeptierten diesen Zustand nur widerwillig. Das Zusammenleben der vielen Nationen war nicht frei von Konflikten. 1938 – Heinrich war zehn Jahre alt – wurde das Sudetenland im sog. Münchner Abkommen an Hitler-Deutschland abgetreten. Damals feierten die Sudentendeutschen die einmarschierenden Wehrmachtstruppen enthusiastisch als Befreier vom „tschechischen Joch“.

Adolf Hitler ließ es sich nicht nehmen am 4. Oktober 1938 sich als Sieger im offenen Wagen durch Karlsbad zu fahren und um die Mittagszeit eine Rede vom Balkon des Theaters zu halten. Vermutlich stand auch Heinrichs Vater Anton mit seiner Familie im nur drei Kilometer entfernten Karlsbad am Straßenrand, und Heinrich und seine Brüder schwenkten jubelnd Hakenkreuz-Fähnchen. Ob seine Schwester Hilde dabei war ist fraglich, denn sie dachte schon ans Heirateten.

Der Erwählte Ernst kam aus der sudetendeutschen Familie Haberditzl. In der Kirche Maria Trost standen sie vor dem Traualtar und gaben sich vor dem sehr volksnahen katholischen Priester Monsignore Rudolf Hacker das Ja-Wort. Sie bezogen ein Haus in Hohendorf in der Nähe von Hildes Eltern, in dem schon bald ihre Tochter Elfriede das Licht der Welt erblickte.

Inzwischen hatte Nazi-Deutschland auch die Kontrolle über das verbleibende Territorium der Tschechoslowakei übernommen und das sog. Protektorat Böhmen und Mähren errichtete mit schlimmen Folgen für die tschechische Bevölkerung. Durch das erfahrene Leid stauten sich bei den Tschechen Hass und Wut auf, die sich nach der Niederlage des Dritten Reiches in zahllosen Vergeltungs- und Racheaktionen gegen die deutsche Bevölkerung entladen sollte. Für die politische Führung der nun wieder geschaffenen Tschechoslowakei (CSR) war die Vertreibung der Deutschen schon lange vor Kriegsende eine beschlossene Sache.

Für die Knaben der Familie und auch Hildes Ehemann hatte die Eingliederung ins Deutsche Reich tragische persönliche Folgen. Kaum, dass sie achtzehn Jahre alt waren, wurden die jungen Männer zur Wehrmacht eingezogen. Hans kam an die Ostfront und kehrte von dort nicht mehr zurück. Der damals Neunzehnjährige gilt seit Februar 1945 als verschollen. Seine Schwester Hilde war am Ende des Krieges Witwe und alleinerziehende Mutter mit drei kleinen Kindern. Ihr jüngerer Bruder Franz überlebte den Krieg und kam im Westen in amerikanische Kriegsgefangenschaft, die vergleichsweise human war und in der Regel nicht langte dauerte. Der Krieg verlangte von der Familie einen hohen Tribut.

Heinrich war noch zu jung, um im Militär zu dienen, und wurde zum paramilitärisch organisierten Reichsarbeitsdienst eingezogen, nicht allzu weit weg von zu Hause. Als die deutsche Niederlage absehbar war und schon bevor die amerikanischen Truppen im Mai 1945 in Karlsbad einmarschierten, verließen Heinrichs Vorgesetzen fluchtartig ihre Untergebenen. Er und seine Kameraden zogen Zivilkleidung an und machten sich zu Fuß auf den Weg nach Hause, immer auf der Hut keinen Tschechen zu begegnen. Denn die ließen ihre Wut fast an jedem Deutschen aus, dem sie begegneten. Zigtausende kamen durch diese Art der Lynchjustiz ums Leben oder wurden von Haus und Hof vertrieben. Man sprach von den sog. „wilden Vertreibungen“.

Kaum, dass Heinrich in Hohendorf bei seiner Familie angekommen war, übergaben am 11. Mai 1945 die Amerikaner das Gebiet den Russen, deren Regiment für die Bevölkerung zu einer erheblichen Belastung wurde. Es kam zu Plünderungen und Übergriffen gegenüber der Bevölkerung.

Die folgenden Monate wurden zu einer echten Bewährungsprobe für die Dorfbewohner. In der Öffentlichkeit mussten sie wie alle anderen ein schwarzes „N“ gut sichtbar am Ärmel tragen, das sie als Deutsche kenntlich machen und auch brandmarken sollte. Nicht selten waren sie Schikanen ausgesetzt.

Hilde Haberditzls Familie war inzwischen angewachsen und lebte bei ihren Eltern im Haus. Heinrichs Neffen Peter (2 J.) und Werner (5 J.) waren geboren. Da Hildes Mann bei einem Arbeitsunfall uns Leben kam, war man über die Ankunft von Heinrich hoch erfreut. Die Hilfe eines kräftigen pflichtbewussten Siebzehnjährigen konnte im Haus und in der Werkstatt gut gebraucht werden. Heinrich hatte sich von klein auf gerne bei seinem Vater in der Schlosserei aufgehalten und wurde selsbt zu einem Mechaniker ausgebildet.

(Fortsetzung s. Teil 2: Heinrich Pleier (2)  –  Verlust der Heimat und Neubeginn)