Heinrich Pleier (2)  –  Verlust der Heimat und Neubeginn

Heinrich Pleier (2)  –  Verlust der Heimat und Neubeginn

Anton Pleyer

Es war in den ersten Tagen des Juli 1946 als plötzlich Motorenlärm in Hohendorf zu hören war. Laut schreiend klopften zwei Männer an der Haustür. Als Anton Pleyer erschrocken öffnete, wurde ihm schroff mitgeteilt, dass er und die Seinen innerhalb einer Viertelstunde das Haus zu verlassen hätten.. Dasselbe geschah bei Hilde Haberditzl, die mit ihren drei Kindern alleine in ihrem Haus war. Sie durften 70 kg Gepäck mitnehmen. In aller Eile suchten die Erwachsenen ein paar Habseligkeiten zusammen und verstauten sie in Taschen und Koffern. Anton Pleyer warf einen letzten wehmütigen Blick in seine voll ausgerüstete Schmiede, die er zurücklassen würde. Hilde nahm den drei Jahre alten Werner auf den Arm. Ihre sechs und sieben Jahre alten Kinder Peter und Elfie verstanden nicht was gerade vor sich ging.Heinrich und seine Eltern führten sie an der Hand zum Dorfplatz, wo auch schon die Familien aus dem Ort standen: vorwiegend alleistehende Frauen mit ihren kleinen Kindern und Alte. Dort wurde das Gepäck von der tschechischen Polizei gefilzt. Sparbücher und Wertsachen wurden konfisziert. 1000 Reichsmark durfte jede Person mitnehmen, alles andere musste zurückbleiben. Den Haustürschlüssel mussten sie stecken lassen

Haus und Hof waren damit unwiederbringlich verloren. Alles was ihnen blieb, war ihr Leben und 70 kg Gepäck. LKWs karrten Ihre  auf der Ladefläche zusammengepfercht menschliche Fracht ins ehemalige Konzentrationslager Neurohlau nördlich von Karlsbad.  Erneut wurden die Eintreffenden nach Wertsachen durchsucht, sogar im Intimbereich. Im Lager war die Verpfleung und die  hygienische Verhältnisse unzureichend. Es herrschte psychische und  physische Gewalt gegen alles was deutsch war, Kinder, Frauen und Greise.

Mehrere Tage mussten die Vertriebenen in den dortigen Baracken des Lagers warten, bis alle Passagiere für den nächsten Transport nach Deutschland bereitstanden. 1200 pro Zug mussten es sein.  40 fensterlose Viehwaggons higen an der Lokomotive. Jeweils 30 Passagiere samt Gepäck wurden in einen Waggon hineingepfercht. In ihrem Innern herrschten beengte Verhältnisse, weil auch das Gepäck und die zahlreichen Kinderwagen  Platz finden mussten. Für die Notdurft der 30 Personen stand ein einziger schmutziger Eimer zur Verfügung.

Am 7. Juli 1946 war es soweit. In den Abendstunden wurden die Pleiers aus ihren Baracken getrieben zum Sammelpunkt Meierhöfen bei Karlsbad gebracht. Dort wurden sie in die Viehwaggons bugsiert.

Wie aus den Begleitdokumenten (s. Abbildungen) hervorgeht, war für die Familien Haberditzl und Pleier und ihre Mitreisenden der Waggon 24 im Transportzug Nr. 33210 „reserviert“. Im ganzen Güterzug befanden sich insgesamt 642 Frauen, 384 Männer und ca. 150 Kinder unter 6 Jahren.

Die Abschiebungen hatten die tschechischen Behörden mit bürokratischer Akribie vorbreitet.  Pünktlich um 2.20 Uhr in der Nacht des 8. Juli setzte sich die Lokomotive in Bewegung. Während die Kinder in den Armen ihrer Angehörigen kauerten und vor sich hindämmerten, dachte von den Erwachsenen kaum einer ans Schlafen. Zu groß war die Anspannung, die Angst vor der Ungewissheit, ob diese Reise wirklich in die amerikansiche Zone gehen würde; denn der Zug fuhr zunächst Richtung Süden  über Pilsen nach Tachau.

Gegen 5 Uhr rollte der Zug plötzlich langsamer. Die Kinder kletterten auf die Gepäckstücke und schauten oben aus den Lüftungsschlitzen. Sie meldeten den andern, was sie im Morgengrauen sehen konnten:  der Zug war in den Bahnhof Eger eingefahren. Die Türen wurden aufgerissen und die Kinder bekam Milch gereicht.  Nach zwei Stunden Aufenthalt begann die letzte Etappe der Reise in Richtung Westen. Bevor der Zug in die amerikanische Besatzungszone einfahren durfte, mussten alle sich auf Geheiß der Amerikaner an der Grenze einer Entlausungsprozedur mit DDT-Pulver unterziehen. Danach gestatteten die Amerikaner erst die Weiterfahrt. Nach der Grenzstation rissen die Menschen die weißen Armbinden mit dem Buchstaben N, die sie als Sudetendeutschen bis zur tschechisch-bayerischen Grenze tragen mussten aus den Lüftungsschlitzen.  Die Gleise und der Bahndamm waren über und über von weißen Stofffetzen bedeckt

Nach insgesamt sechs Stunden Fahrt stoppte der Transport im Durchgangslager Wiesau in der Oberpfalz, wiederum nur eine Zwischenstation für wenige Tage. Wiesau war nämlich der zentrale Umschlagplatz für die Verteilung der Flüchtlinge in alle Himmelsrichtungen. Dort hatte man inzwischen Routine mit den Abläufen, denn täglich trafen bis zu sechs Transporte mit jeweils ca. 1200 Menschen ein. Weil in den Baracken des Lagers nicht genug Platz für alle Neuankömmlinge war, mussten die Pleiers die nächsten Tage und Nächte im Zug campieren.

Am 13.7.1946 ging es weiter Richtung Norden nach Gießen in Mittelhessen. Sie gehörten zu den 600 000 der drei Millionen aus ihrer Heimat vertriebenen Sudetendeutschen, die in Hessen Aufnahme fanden.

In den Abendstunden des 15.7.1946 erreichten die Pleiers das fast letzte Ziel ihrer langen Reise. Sie trafen am Gießener Bahnhof ein. Für einen Sommertag war es nicht besonders warm.  Am Himmel waren Wolken und ab und zu regnete es. Die Ankömmlinge bekamen Anweisung, die Wagen nicht zu verlassen. Vor dem Bahnhof standen unzählige Omnibusse der Verkehrsbetriebe Gießen, LKW und Lieferwagen, um die Flüchtlinge samt ihrem Gepäck zu ihren Übernachtungsquartieren ins Sammellager Gießen oder beschlagnahte Hotels zu bringen. Kaum angekommen fand wieder jene Prozedur statt, die sie schon kannten: Registrierung und Entlausung. Am nächsten Tag folgte eine ärztliche Untersuchung.

Ziel der amerikanischen Besatzer war die möglichst schnelle Verteilung der Flüchtlinge auf die Kommunen. Auf allen Verwaltungsebenen setzten sie deshalb sog. Flüchtlingskommissare ein. Die Bürgermeister hatten die Order, für die zugewiesenen Flüchtlingsgruppen Wohnraum zu Verfügung zu stellen, den sie oft gegen den Willen der Hausbesitzer zwangsrekrutieren mussten.

Wenige Tage nach der Ankunft bekam Anton Pleier mitgeteilt, dass er und seine Angehörigen einen Lastwagen zu besteigen hätten. Wieder war diese Ungewissheit, wo es hingehen würde.  Sie fuhren der aufgehenden Sonne entgegen. Von der Ladefläche aus sahen sie die Wiesen und Kornfelder der mittelhessischen Landschaft an sich vorbeiziehen. Auf den Ortsschildern konnten sie Namen wir Reiskirchen und Grünberg lesen.  Erstaunlicher Weise stoppte der Laster schon nach etwa 30 km kurz hinter Flensungen an einem ehemaligen Landgut. Vor dem Gutshaus stand schon wartend der  Bürgermeister von Flensungen Heinrich Rühl mit seinen Leuten. Er hatte die offizielle Aufgabe, die Flüchtlinge in den Räumen des großen Gebäudes unterzubringen. Der sog. Flensunger Hof (s. Abbildung) war in der Vergangenheit schon zu einem Erholungsheim und einer Tagungsstätte ausgebaut worden und bot ausreichend Platz für alle Ankömmlinge.

Heinrich Rühl schlug Heinrich Pleier vor, sich als Arbeiter im Depot der Amerikaner zu bewerben, so dass dieser umgehend einen Arbeitsplatz fand. Dies war der erste Schritt zur Integration in der neuen Heimat, die man insgesamt – was die Familien Pleier und Haberditzl betrifft –  als geglückt bezeichnen konnte, obwohl die ersten Jahre nicht einfach, manchmal sogar hart waren. Nicht überall verlief die Integration wegen des gravierenden Wohnraummangels und der daraus resultierenden Wohnraumzwangsbewirtschaftung  konfliktfrei. Das Zusammenleben von Einheimischen und Zugereisten führte  in den Nachkriegsjahren ziu sozialen Spannungen.

Die erfolgreiche Integration der Pleiers gelang nicht zuletzt auch dank ihrer geschickten „Heiratspolitik“. Alle drei Pleierskinder fanden ihr Eheglück in Flensungen und heirateten Einheimische.

Heinrich lernte schon bald die Tochter Linny des aus Annerod nach Flensungen versetzten Postbeamten Wilhelm Haas kennen. 1951 kam Tochter Ingrid zu Welt, eine der Großmütter unserer Enkelin Lina Liv.

Bald schon tauchte auch Heinrichs Bruder Franz ins Flensungen auf, über dessen Verbleib die Familie bis dahin nichts Genaues wusste. Nach seiner Gefangennahme durch die Amerikaner und seiner baldigen Entlassung fand Franz Arbeit auf einem Bauernhof in Rugendorf bei Kulmbach in Oberfranken. Die Rückkehr ins Sudetenland war ihm verwehrt, und so machte er seine Angehörigen in Flensungen ausfindig.  Bürgermeister Heinrich Rühl brachte den Neuankömmling im Gasthaus „Alte Mücke“ unter, das von Hugo Bräuning betrieben wurde.  Hugo war nicht nur Gastwirt, sondern auch Landwirt und Pferdehändler. Es kam, wie es kommen musste, Franz verliebte sich in die achtzehnjährige Tochter Ilse des Bürgermeisters, die er 1949 heiratete. Der gelernte Maschinenschlosser fand wie sein Bruder zunächst Arbeit im Depot der Amerikaner. Später wurden beide Brüder Angestellte der Deutschen Post und fuhren Postbusse im Linienverkehr.

Auch die junge Witwe Hilde Haberditzl fand wieder einen Ehemann und Vater für ihre drei Kinder. Am 27.11.1948 heiratete sie in Flensungen Otto Bräuning, der aus der besagten Gastwirtsfamilie stammte und ihr weitere drei Kinder schenkte.

Wo viel Glück ist, gibt es auch Leid. Heinrichs Mutter Maria geb. Schmuck, die aus Sodau bei Karlsbad stammte, hat die seelischen Belastungen und körperlichen Strapazen des Erlebten nur schwer verkraftet. Die neu gewonnen Freiheit konnte sie nicht lange genießen. Sie starb ziemlich genau ein Jahr nach der Ankunft in Flensungen.

Heinrich spielte mit der Dorfjugend Fußball und wurde nach seinem Umzug nach Annerod auch Mitglied der dortigen Feuerwehr.  Wie viele Sudentendeutsche war er fleißig und strebsam, was ihm die Anerkennung und den Respekt der Einheimischen verschaffte. Oft arbeitete er in Dorf nebenher bei Nachbarn als Schlosser oder restaurierte sehr sorgfältig historische Kutschen. Einerseits konnte der in der Regel schweigsame Mann sehr streng sein, andererseits aber auch als Familienmensch  verständnisvoll, wenn es Probleme gab.

Heinrich Pleier starb nach einen erfüllten Leben in Alter von 91 Jahren 2019 in Annerod bei Gießen.