Karl-Erich Schneider – im 2. Weltkrieg vermisst

Karl-Erich Schneider – im 2. Weltkrieg vermisst

Karl-Erich Schneider, geb. 10.12.1915 in Sulzbach im Saarland, war der Bruder von Pfarrer Walter Schneider (Heusweiler), dem Vater meiner Ehefrau Elisabeth.

Seit Mitte der 30er Jahre war er Student der Medizin an der Universität Tübingen. Im 2. Weltkrieg fand er deshalb Verwendung als Sanitäter, zunächst als einfacher Gefreiter und später (etwa ab 1942) im Rang eines Sanitätsfeldwebels.

In dieser Funktion tat er Dienst in entsprechenden Sanitäts-Einheiten, die in der Regel dem Stabsarzt eines Regimentes unterstellt waren. Laut Angaben der WASt, der Auskunftstelle für Wehrmachtsangehörigen in Berlin, war Karl-Erich Schneider bei folgenden Einheiten stationiert.

Januar 1940 bis August 1940       Sanität Ersatz Abteilung 5 in Prag

Oktober 1940 bis April 1941  Kommandant des rückwärtigen Armeegebietes 550 (17. Armee) Einsatzgebiet: Südrussland, der Kaukasus und die Halbinsel Krim.  Bei dieser Einheit handelt es ich um einen Teil der Besatzungstruppen, die die Nachschubwege und die „Befriedung“ des besetzten Gebietes sichern sollten.

April 1941 bis 8.9.1942 erneut Sanitätsersatzabteilung 5

21.05.1942 bis 11 .08.1942 Studentenkompanie der Mediziner in Tübingen

Sept 1942 bis Januar 1943   Stab 1/ Grenadier-(Feldausbildungs-) Regiment 615 auf der Krim stehend

ab 26. Februar 1943 336. Infanterie-Division und als Grenadier-Regiment 615 an die 98. Infanterie-Division ebenfalls auf der Krim stehend / Unterstellung:  381. Infanterie-(Feldausbildungs-) Division im Kaukasus

Januar 1943 bis 14.10.1943  Stab II./ Grenadier-Regiment 213 Unterstellung:  73. Infanterie-Division  Einsatzraum:  Jan./ Sept. 1943   Noworossijsk/Kaukasus

In den ersten Septembertagen wurde der Rückzug des Regiments aus dem Raum Noworossijsk befohlen, der in der  Nacht zum 15. September begann. Der Gefechtsstand des Regiments befand sich an diesem Tag in der Krasnajaschlucht. Das Regiment begab sich auf die Landenge von Taman und setzte am 28. September auf die Krim über. Nach der Schlacht um Melitopol im Oktober 1943 wurde das III. Bataillon aufgelöst.

Bis 15 Oktober 1943   Melitopol  /  Verwundung in  der Schlacht um Melitopol und Rücktransport in die Heimat

8.4.1944  Wiederverwendung  Stab II Bataillon Grenadier-Regiment 1123, das der 558. Grenadier-Division unterstand   –  Einsatzgebiet Baltikum

ab Okt. 1944 umbenannt in 558. Volks-Grenadier-Division *   Einsatzräume: August 1944  Litauen;   Sept./ Dez. 1944 Suwalki (polnisch-litauische Grenze)        Januar1945  Ostpreußen;             Februar 1945  Heiligenbeil/Ost-Preußen

  • In den letzten Kriegsmonaten, als viele reguläre Einheiten an der Front aufgerieben wurden, stellte man die sog. Volksgrenadier-Divisionen  aus versprengten Soldaten und aus Volkssturmeinheiten auf.

Karl-Erichs Verwundungen:

Geringfügig war die Verletzung, die er sich noch in der Heimat (Niederrhein) im Nov.1939 zugezogen hat, nämlich ein Handwurzelknochenbruch

Schwerwiegender war die Verwundung  vom 14./15. Oktober 1943, die ihn offensichtlich  bis August 1944 nicht kriegsverwendungsfähig machte:  Granatsplitter im Oberarm, kleinem Finger und Unterschenkel

Höchstwahrscheinlich wurde Karl-Erich bei  Kampfhandlungen in der Ostukraine, an denen seine Einheit beteiligt war, verwundet. Im Oktober 1943 wurde  Melitopol in der südlichen Ukraine die sog. „Wotanstellung“ verteidigt. Laut Datenblatt aus dem Archiv der „Deutschen Dienststelle“ in Berlin war Karl-Erich zu diesem Zeitpunkt dort  im Einsatz.

Die folgenden Informationen über den seit Anfang 1945 vermissten Karl-Erich Schneider  sind eine Rekonstruktion seines Werdegangs als Soldat anhand der oben genannten Daten.

Um Bogdanowka, „Oktoberfeld“, Akimowka, Danilo Iwanowka und einem  Plantagenfeld entwickelten sich bis zum 21. Oktober 1943 beim Kampf um  Melitopol (Ost-Ukraine) zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee sehr intensive Kämpfe. Die deutschen Verbände konnten sich – trotz zahlenmäßiger Überlegenheit der Sowjets – fast drei Wochen wehren. Bis zu dreißig Mal wurden die russischen Truppen mit Hunderten von Panzern zurückgedrängt. Doch am 9.Oktober 1943 brach die Rote Armee bei der 336.Infanterie-Division ein und stand im Südteil von Melitopol. Es kam zu einem erbitterten 12-tägigen Häuserkampf, in dessen Verlauf Karl-Erich wohl seine oben beschriebenen Verletzungen erlitt.

Vom Feldlazarett 652 wurde er in das Ortslazarett Danilo Iwanowka bei Melitopol verlegt. Zwei Wochen später wurde er in einem Lazarettzug in die Heimat, damals sein Studienort Tübingen, gebracht, wo er bis zu seiner Genesung im Sommer 1944 blieb.

Karl-Erichs Tod

Im August 1944 wurde er erneut an die Ostfront nach Litauen geschickt. Das ist das letzte gesicherte Datum, das wir von ihm haben.  Seine Einheit, das Grenadier-Regiment 1123 der 558. Grenadier-Division, zog sich im Januar 1945 von Litauen bis nach Ostpreußen zurück. Wenn Karl-Erich nicht schon vorher gefallen war, so höchstwahrscheinlich in dem Zeitraum zwischen Januar und März 1945 in Heiligenbeil südlich Königsberg. Die deutschen Truppen waren von der roten Armee im Rahmen der sowjetischen Frühjahrsoffensive mit dem Rücken zum zugefrorenen Frischen Haff  bei Pillau eingekesselt.

Szenen, die sich Anfang 1945 im Kessel abspielten, schildert der ehemalige FDP-Bundestagsabgeordneten Erich Mende in seiner Biografie:

„..Es war inzwischen sehr kalt geworden, Temperaturen um minus 20 ° Grad und Schneefall. …Da die Seenplatte um Rudzanny, Sensburg, auch der Spirdingsee, zugefroren waren, machten die Sowjets Vorstöße sowohl über die zugefrorene Seenplatte wie durch die einzelnen Waldstücke und Schluchten. Das Regiment stand in schweren Kämpfen auf den Höhen südlich Sensburgs und musste die Front von Rudzanny zurücknehmen, bis etwa auf die Höhen von Nikolaiken… Es gab erbitterte Nahkämpfe sowohl im Sensburger Raum als auch in der Stadt Sensburg. Entsprechend hoch waren die Verluste. [ ]Am 28. Januar fiel die Stadt Sensburg schließlich in die Hände der Roten Armee. Es waren geradezu apokalyptische Bilder, die den Soldaten zugemutet wurden, wenn sie die Flüchtlingstrecks zum Teil zerstört durch Schlachtfliegerangriffe, zum Teil überrollt von sowjetischen Panzern, nach Gegenangriffen in ihrem ganzen Jammer erlebten. Die Sowjets rollten einfach mit ihren Panzern über Menschen, Pferde und Wagen hinweg. Bilder des Grauens, die einen noch wochen- und monatelang im Schlaf verfolgten, mussten die Soldaten täglich in diesen schweren Kämpfen über sich ergehen lassen. …Die zweite Februar- und die erste Märzhälfte war in diesem Raum einigermaßen ruhig, abgesehen von einem verheerenden Bombenangriff Anfang März. Etwa zwanzig sowjetische Flugzeuge legten einen Bombenteppich genau in das Stellungssystem des Regimentsgefechtsstands. 24 Tote waren zu beklagen. Sie waren gar nicht zu bergen, ihre Unterstände waren umgepflügt. Man fand nur Uniformfetzen, Koppelzeug und hier und da einen Papierfetzen.“

Insgesamt waren dort rund 150.000 deutsche Soldaten eingeschlossen. Hiervon wurden ca. 80.000 getötet. Die Reste der Division etwa 50.000 gerieten bei Pillau in sowjetische Gefangenschaft. Im März 1945 ging die Masse der 558. Volksgrenadier-Division im sog. Kessel von Heiligenbeil unter.

Vermutlich gehört auch Karl-Erich Schneider zu den Opfern dieses mörderischen Krieges, die hier, im sog. „Stalingrad Ostpreußens“ den Tod gefunden haben.

Er ist nicht einmal 30 Jahre alt geworden.

Es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir mehr über sein trauriges Schicksal erfahren werden, wenngleich auch immer wieder Leichen deutscher Soldaten entdeckt werden. So fand im Januar 2016 ein russischer Suchtrupp bei Heiligenbeil (heute: Mamonowo) am Frischen Haff 130 Leichen, die dann exhumiert wurden. Sofern die Identität festgesellt werden kann, wird der gefallene Soldat vom Volksbund erfasst. Die Daten könne online abgerufen werden.

In der Gedenkstätte von Heiligenbeil befinden sich mehrere Massengräber deutscher Soldaten.

https://www.volksbund.de/it/kriegsgraeberstaette/-d14a1f6a3f/detail/mamonovo.html