Familie Rosen – Emigranten aus dem Zarenreich

Rosen – eine Familie aus Litauen/Russland

Eine Großmutter väterlicherseits unserer Enkel Jaime und  Benjamin Chaikel heißt Linda Rosen. Ihre Vorfahren haben ihre Wurzeln im vormals polnisch-litauischen Teil des riesigen russischen Zarenreichs, das im 19. Jahrhundert seine größte Ausdehnung nach Westen hatte und unmittelbar an das Deutsche Reich grenzte.  Lindas Urgroßvater, Moshe (später: Morris) Rosen, wurde um 1865 in Halynka 12 km von Grodno, das heute zu Weißrussland gehört, geboren.

Er war ein Litwak. So bezeichneten sich die Juden Litauens in der jiddischen Sprache selbst. Grodno, über viele Jahrhunderte zum Herzogtum Litauen gehörend, zählte zu den Städten des Landes mit sehr großem jüdischen Bevölkerungsanteil.

Wilna

Die Hauptstadt Litauens war Wilna. Dort lebten Ende des 19. Jahrhunderts ca. eine halbe Million Menschen, wovon etwa die Hälfte Juden waren. Wilna entwickelte sich zu einer Metropole des sog. Ostjudentums. Man sprach vom „Jerusalems des Nordens“, weil sich in der Stadt mit ca. 100 Synagogen, eine jiddische Universität und Zeitung, eine europaweit beachtete Kultur und Bildung entwickelt hatte.

Das Leben auf dem Land

Morris Rosen lebte mit seiner kinderreichen jüdischen Familie in dem kleinen Dorf Halynka, manchmal auch Holynka, Golynka oder Hoynka genannt. Das Dorf, das heute zu Belarus gehört, war 18 km nordwestlich vom Schtetl Grodno und etwa 60 km von Ostpreußen entfernt, also von  der Grenzen zwischen dem deutschen und dem russischen Reich.

Kehillah

Die Mehrheit der etwa 100 Familien in Halynka waren jüdisch. Sie bildeten eine Kehillah, eine funktionierende jüdische Gemeinde mit Synagoge.

Fast alle waren sehr einfache Leute, die z.T. als Hausierer unterwegs waren.
Laut der Volkszählung von 1897 für das Russische Reich umfasste die jüdische Bevölkerung der Gemeinde Halynka etwa 500 Seelen. 

Ende des 19. Jahrhunderts gab es im Umkreis von 50 km von Halynka  knapp 50.000 Juden.

Die Sprachen

Die Alltagssprache der Juden von Halynka war Jiddisch. In der  Region, die von Russland annektiert war, sprach die übrige Bevölkerung hauptsächlich Polnisch, nur wenige Litauisch. Der Versuch, der neuen Herren Russisch in der Schule einzuführen, wurde bald wieder aufgegeben.

Das Dorf

Das Zentrum des Ortes bildete ein Dorfplatz, dort wohnten die sog. besseren Leute, Beamte, Lehrer und der orthodoxe Priester. Hier standen sich auch die Synagoge und die orthodoxe Kirche gegenüber.

Jedes Jahr im Frühjahr fand ein Markt statt. Durchreisende Händler präsentierten auf ihren Wagen ihre Waren. Das war ein außergewöhnlicher Tag für Groß und Klein, denn es gab auch besondere Leckereien.

Dass die Straße vor dem Haus der Rosens nicht befestigt, im Winter schneebedeckt, im Frühjahr matschig und im Sommer staubig war, hat die spielenden Kinder nicht gestört.

Die Wohnverhältnisse

Die besseren Häuser in Holinka, waren aus Baumstämmen gebaut mit Schindeln gedeckt.  Die ärmeren Häuser und die Scheunen hatten nur Strohdächer.

Der Boden eines Hauses bestand aus gestampftem Lehm, der mit feinem, gelbem Sand bedeckt war. Von Zeit zu Zeit wurde der alte Sand und zusammen mit dem Schmutz mit einem Reisigbesen hinausgefegt und neuer verteilt.

Es gab in den Häusern nur wenige Möbel: Stühle, Tische, Kommoden und Bänke. In den Betten lagen Strohsäcke als Matratzen und darüber Bezüge mit Daunenfedern. Im Winter konnte es sehr kalt sein, weil der Ofen nicht genug Wärme lieferte. Zum Glück waren die Häuser gut isoliert. Die Ritzen zwischen den Baumstämmen waren mit Moos oder Lehm abgedichtet.

Eklektischer Strom war nicht vorhanden. Die Stuben wurden mit  Petroleumlampen beleuchtet. Eine Kerze wurde jeweils nur am Freitagabend und am Schabbat angezündet.

Fließendes Wasser gab es nicht. Man musste es aus einem Ziehbrunnen auf dem Dorfplatz holen und nach Hause tragen.

Im Herbst deckten die Familien sich mit Feuerholz für den Winter ein. Bauern brachten ofenfertige Holzscheide auf den Platz. Um den Preis wurde gefeilscht.

Die besser gestellten Einwohner konnten sich eine Kuh oder ein Pferd halten.

Der Cheder – Die Schule

Die Ehefrau von Morris Rosen, Ida (Ideanna) Tobolosky stammte aus der 50 km von Halynka entfernten Kleinstadt Sejny, Podlaskie. In der Zeit von 1867 und 1887 bekamen sie und Morris 10 Kinder. Der Letztgeborene war Louis Rosen, Lindas Großvater.

Den Besuch des Gymnasiums in Grodno für ihre Kinder konnten sich so gut wie keine Familie leisten. Man schickte sie in den Cheder, eine traditionelle Grundschule, die die Grundlagen des Judentums und der hebräischen Sprache vermitteln sollte.

Nach Berichten von Schülern aus Halynka war für sie der dortige Cheder eine Tortur, denn der Rebbe, der Talmut-Leher, der auch das Alphabet vermitteln sollt, war wenig qualifiziert und ungeduldig.  Seine Pädagogik folgte dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche. Die Prügelstrafe war an der Tagesordnung. Der Rebbe schlug kräftig mit dem Stock zu, wenn er unzufrieden war. Fleißige Schüler bekamen zur Belohnung Rosinen und Mandeln. Von morgen bis abends waren die Schüler in einem großen Raum eingesperrt und langweilten sich. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als diese Plackerei zu ertragen.

Die geistliche Autorität im Stetl war der „Ruv“, der Rabbi, ein älterer Mann mit ausgeprägten Gesichtszügen und einem langen weißen Bart und konservativen Ansichten. Wenn er in die Schule kam, sprach er ein jüdisches Gebet.

Wirtschaftliche Not

Trotz dieses großen kulturellen Reichtums in den Städten einerseits lebten im zaristischen Russland viele Juden vor allem auf dem Lande, so auch in Halynka, in prekären Verhältnissen. Zeitzeugen sprechen sogar davon, dass 90 % der gesamten jüdischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebte. Zusätzlich bewirkte ein rasantes Bevölkerungswachstum eine massive Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation der osteuropäischen Juden. Zur großen materiellen Not kamen politische Restriktionen.

„Ansiedlungsrayon“

Im Zarenreich waren die Juden gezwungen in einem sog. „Ansiedlungsrayon“ zu leben, eine Art riesiges Ghetto. Dieses von der Zarin Katharina der Großen 1791 festgelegte Siedlungsgebiet der Juden reichte in seiner größten Ausdehnung von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer und umfasste die von Russland eroberten Gebiete Litauen, Weißrussland, Polen, Ukraine und Bessarabien. Absicht war es, der jüdischen Bevölkerung den Aufenthalt im eigentlichen russischen Kernland zu untersagen. Ende des 19. Jahrhunderts lebten im Ansiedlungsrayon knapp 5 Millionen Juden. Auf liberale Phasen der zaristischen Politik gegenüber den jüdischen Mitbürgern folgten restriktive, so auch in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts.

Politische Restriktionen

Als Zar Alexander II. 1881 einem Attentat zum Opfer fiel, das fälschlicherweise ursächlich den Juden zugeschrieben wurde, erließ Zar Alexander III. eine Reihe antijüdischer Maßnahmen, die die Freizügigkeit der Juden einschränken und sie wirtschaftlich noch mehr benachteiligen sollten. Sie wurden insbesondere von der polnischen Bevölkerung als wirtschaftliche Konkurrenten empfunden. Die propagandistische Wirkung der öffentlichen Diskussion um die Mittäterschaft der Juden am Attentat gegen den Zaren hatte eine Welle von Antisemitismus zur Folge. Das Attentat löste in der Zeit von 1881 bis 1884 antijüdischer Pogrome  aus., an denen staatliche Stellen nicht unbeteiligt waren. Bei diesen Aufständen wurden Juden getötet oder verletzt und Frauen vergewaltigt. Es entstanden Sachschäden von über 1 Million Rubel.

Der Massenexodus

Die Summe dieser anhaltend lebensfeindlichen Verhältnisse führte zu einer Wende in der Geschichte der Juden im Zarenreich. Ein Massenexodus in Richtung USA, aber auch nach Deutschland und Frankreich setzte ein, der bis ins 20. Jahrhundert anhielt. In Briefen berichteten Verwandte, die schon ausgewandert waren, von den Freiheiten in der neuen Heimat und den günstigen ökonomischen Bedingungen und den Möglichkeiten, sich individuell zu verwirklichen.

Fluchtwege

Ein weiterer Grund, Halynka zu verlassen, war für viele junge Männer der drohende Militärdienst in der russischen Armee. Da die deutsche Grenze nicht weit war, bot sich ein illegaler Grenzübertritt an. So wird berichtet, dass sich Flüchtlinge in Heuwagen versteckten. Das Heu sollte zum Verkauf nach Preußen gebracht werden. Obwohl die Grenzsoldaten mit den Bajonetten in das Heu stachen, blieben die Flüchtlinge häufig unentdeckt. Danach mussten sie sich durchschlagen bis zu Häfen an der Nordsee, z.B. Bremen oder Antwerpen, um nach Nord-Amerika aufbrechen zu können.

Die neue Heimat

Um die zwei Millionen Juden verließen den Ansiedlungsrayon, darunter auch viele Litwakes, die das Leben in der neuen Heimat in kultureller und geistiger Hinsicht bereicherten.  Sie waren die Vorfahren zahlreicher Hollywood-Stars und anderer Prominenter. Zu ihren Nachfahren gehören, um nur einige zu nennen, Woody Allen Konigsberg, Barbra Streisand, Steven Spielberg, Michael Bloomberg, Walter Matthau, Charles Bronson, Pink, Sean Penn, Leonhard Cohen oder Bob Dylan (Robert Allen Zimmerman).

Die Einwanderer stellten in physischer Hinsicht eine Auslese dar. Wer nicht den Gesundheitsstandards Einwanderungsbehörde entsprach wurde zurückgeschickt bzw. vorab schon von der Überfahrt ausgeschlossen.

Unter den Neuankömmlingen waren auch die Vorfahren von Jaime und  Benjamin Chaikel.  Moshe (später: Morris) Rosen und seine Frau Ida (Ideanna) Tobolowsky wanderten 1894 zusammen mit ihren acht Söhnen und den beiden Töchtern in die USA ein. Die meisten von ihnen ließen sich in Bangor im Bundesstaat Maine oder in Ney York nieder und hatten zahlreiche Nachkommen. Einige von ihnen sind in der Ahnentafel auf dieser Website zu finden