Elisabeth Zerr Teil 1: Franzfeld/Odessa umgesiedelt – vertrieben – verschleppt

Franzfeld/Odessa

Linas Ur-Ur-Großmutter väterlicherseits, Elisabeth Zerr geb. Braun,  wurde am 27. September 1898 in Franzfeld/Odessa als Nachfahrin von aus dem Elsass (Selz bei Weißenburg) stammenden Kolonisten geboren. Diese besiedelten seit 1808 das ausschließlich von deutschsprachiger Bevölkerung bewohnte und von deutscher Kultur geprägte Dorf, in dem Brauchtum und Sprache konsequent gepflegt wurden. So besuchte Elisabeth von 1905 bis 1910 fünf Jahre lang die deutsche Volksschule. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach gerieten die Schwarzmeerdeutschen unter den Generalverdacht, sie würden mit dem Deutsch Reich kooperieren und mussten schwerste Diskriminierungen erdulden. Als Elisabeth 19 Jahre alt war, brachte die Oktoberrevolution 1917 den nächsten Diskriminierungsschub. Wegen ihres Widerstandes gegen die Rote Armee verlor die deutsche Bevölkerung weitestgehend ihre kulturelle Eigenständigkeit. Um die Schwarzmeerdeutschen ihrer kulturellen Identität zu berauben, untersagten die Sowjets den deutschsprachigen Schulunterricht und jede religiöse Praxis. Die Dorfkirchen wurden in profane Gebäude umfunktioniert. Durch den Verlust ihres Grundbesitzes und die Verstaatlichung der Betriebe verlor die weitgehend bäuerliche Bevölkerung ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage. Aller Rechte beraubt, konnten die Schwarzmeerdeutschen, deren Siedlungen weitgehend bestehen blieben, ihre Traditionen nur noch im Verborgenen pflegen.

Anfang der 20er Jahre setzten die stalinistischen Verfolgungen ein, die 1929 einen ersten Höhepunkt erreichten. Die „Große Säuberung“, auch „Großer Terror“ genannt fand zwischen 1936 und 1938 statt. Viele Menschen aus den deutschen Siedlungsgebieten wurden ermordet, verschleppt oder kamen für viele Jahre in sog. Umerziehungslager. Opfer dieser Repressionen wurde auch Michael Zerr, ein schwerer Schicksalsschlag für Elisabeth, die damit ihren Ehemann und Vater ihrer Kinder verlor. Michael Zerr stand auf der Exektuionsliste der stalinistischen Volkskommissare und trug dort die Nummer 3850 3852. Am 08.09.1937 wurde er erschossen.

Nach dem Überfall der Wehrmacht auf die UdSSR ordnete Stalin die Deportation aller Russlanddeutschen nach Sibirien an. Durch das schnelle Vordringen der deutschen Truppen gelang diese Umsiedlung nur zum Teil. Viele Dörfer im Raum Odessa blieben davon verschont. So auch Franzfeld.

Schon Anfang August 1941 eroberten die sog. Achsenmächte, wozu auch Rumänien zählte, ein Gebiet, das sich von den Flüssen Bug im Westen, bis zum Dnjestr im Osten und dem Schwarzen Meer im Süden erstreckte. Dieses Territorium, Transnistrien genannt, wurde dem Hoheitsgebiet Rumäniens zugeschlagen. Die dort lebenden ca.140.000 Volksdeutsche erhielten Ende 1941 weitgehende Autonomie und unterstanden nicht der rumänischen Verwaltung, sondern dem Sonderkommando R, eine Unterabteilung der sog. Volksdeutschen Mittelstelle (VoMi). So wurden auch Elisabeth und ihre beiden noch lebende Kinder Pius und Maria am 30. April 1942 offiziell zu Volksdeutschen und erhielten entsprechende Ausweisdokumente. Die Familien bekamen ihr Land zurück und bestellten mit den ihnen eigenen Fleiß Äcker und Weinberge, was bald zu einem bescheidenen Wohlstand führte. (s. Fortsetzung)

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